Geschichten aus dem Zenwald – Folge Nr. 001 – Upaya

Wer als Ein- oder Zweisiedler und Teilselbstversorger im Wald lebt, entwickelt irgendwann nicht nur seine eigene Meinung, sondern schnitzt sich dann auch seine Computertastatur selber. Schließlich sind die meisten menschlichen Finger immer noch eher krumm statt flachgebügelt und passen nicht wirklich gut auf die coolen aber hyperunergonomischen Keyboards in der zweidimensionalen Welt der Socialmediagerätschaften. Außerdem liegen meine Handgelenke lieber bequem auf kleinen Handgelenksitzkissen statt unsicher auf Klavierlack oder gebürstetem Alu herumzurutschen. Mittels dieses eigenwilligen Schreibgerätes sollen hier in unregelmäßiger Folge Berichte und Geschichten aus dem Zenwald erscheinen.

Schreib-Upaya

Welche Werkzeuge und Hilfsmittel wir verwenden und die Art und Weise in der wir das tun, erweist sich, wie jeder Handwerker aus Erfahrung weiß, oftmals als nicht bloß nebensächlich, sondern manchmal sogar als stilprägend, wie ja auch schon die Lehre von den geschickten und angemessenen Mitteln im Mahayana-Buddhismus, also die Lehre von den upaya-kausalya, zeigt. Das Sanskrit-Wort upāya wird in der Regel verwendet im Sinne von Mittel oder Methode, manchmal auch: Heilsweg, Kunstgriff oder List. Auch die geschicktesten Mittel sind aber immer nur Mittel zum Zweck und niemals Selbstzwecke, was gelegentlich vergessen wird, besonders von denen, die diese Mittel sehr geschickt zu handhaben vermögen. Damit diese Unterscheidung – diejenige von Mittel und Zweck – von Anfang an klar ist, hat der Buddha uns die Parabel vom Floß (siehe: Majjhima Nikaya 22, 13f.) erzählt, dem Floß, dass wir uns aufwendig bauen um über einen Strom – gemeint ist ein Strom des Samsara– zu gelangen und dann aber, glücklich am anderen Ufer angelangt, nicht einfach zurücklassen möchten, schließlich hat man sich ja sooo viel Arbeit damit gemacht. Weswegen wir es uns dann auf den Rücken schnallen, um es ein Leben lang mit uns herumzuschleppen.

Diese Woche erlagen dem Sturmtief Friederike ein paar der 80jährigen Kiefern im Zenwald und eine davon legte sich wie eine Straßensperre quer über einen beliebten Spazierweg. Als «Waldhüter» sind wir in solchen Fällen verantwortlich und so habe ich mich daran gemacht, dieses Hindernis auf dem Pfad mit entsprechend angemessenen Mitteln zu beseitigen. Interessanterweise führt die Beseitigung dieses Hindernisses auf dem Pfad – mindestens in diesem Fall – nicht nur zu einem wieder bequem bewanderbaren Spazierpfad, sondern auch zu einem Hänger voll Material, Heizmaterial in diesem Fall. Dieses Kiefernholz dient dann zur Beheizung unserer Zendo und damit uns dazu, winters auch ohne frieren zu müssen oder erst die tibetische Technik der inneren Hitze-Produktion, Tummo(1), zu trainieren, Zazen üben zu können. Zazen, also die stille ungegenständliche Meditation im Sitzen, ist das zentrale Upaya, sprich: Hilfsmittel, in der Tradition des Zen-Buddhismus.

Während der Buddha Dharma 2000 wurde an die versammelten buddhistischen Lehrer in der Hannoveraner Pagode auch einmal die Frage gestellt, was ursprünglich denn die erste Ursache des Leidens gewesen sei. Der auf dem Podium anwesende Soto-Zenmeister antwortete: Zazen! – was natürlich nicht als Antwort auf die Frage gemeint war, sondern im Sinne von: Statt sinnlose Fragen zu stellen, setz dich lieber hin und praktiziere Zazen! Die Frage wurde von anderen Interessierten aus dem Publikum sinngemäß ähnlich noch zweimal wiederholt und in jedem Fall war die Antwort des Meisters: Zazen!

Natürlich hat diese dreifache Antwort auch ihren Sinn, z.B. innerhalb eines dezidierten Zen-Trainings, wenn ein Teilnehmer sich in kontextfreie Gedankenkonstrukte und unnütze Kopfgeburten verstrickt, aus denen die intensive – und nur die wirklich intensive – Zen-Meditation ihn dann befreien soll. Was ja auch funktionieren kann. Wenn es gut geht. Aber außerhalb dieses Trainings-Zusammenhanges immer nur refrainartig diese Antwort zu geben – Zazen, Zazen, Zazen – wirkt ein wenig hilflos.

Ein Astrophysiker kann auch hilflos wirken, wenn wir ihn zum Beispiel fragen, was denn vor dem Urknall gewesen wäre, aber er kann – wenn er ein guter Wissenschaftler ist – die Grenzen seines Wissens bezeichnen und benennen und muss den Fragenden nicht mit «Lern gefälligst Quantenmechanik!» oder etwas Ähnlichem abfertigen. Ich sage ja auch nicht, auf die Frage, wie jemand seine inneren Blockaden beseitigen kann, «Kettensäge!», bloß weil ich heute die Blockade eines Spazierweges erfolgreich mit besagtem Hilfsmittel beseitigen konnte. Die absolute Fixierung auf ein einziges spezielles Hilfsmittel oder eine einzige spezielle Herangehensweise, so geschickt es oder sie auch im speziellen Fall sein mag, lässt genau diejenige Verwechslung von Mittel und Zweck vermuten, vor der uns der Buddha mit seiner Parabel vom Floß warnen wollte. Der Punkt ist nur: über Mittel und Werkzeuge kann man sehr klar und verständlich reden, und oft viel klarer und deutlicher als über die Zwecke, die eigentlich mit diesen Mitteln erreicht werden sollen. Wenn man aber das Verhältnis von Mittel und Zweck aus dem Blick verliert, dann kann es passieren, dass sich zum Beispiel im Angebot einer Schweizer Business-School, auch «Zen und die Kunst der Gelassenheit» findet. Ein Kurs, der «den Blick für das Wesentliche schärfen» soll. Die Manager-Trainingseinrichtung will «mit persönlichem Coaching im traditionellen japanischen Stil» ihre Kunden zu einem besseren «Verständnis von Entspannung, Ruhe und Klarheit» führen. Die Manager sollen ihre Selbstmanagement-Kompetenzen weiter entwickeln und mit erhöhter Präsenz, starkem Willen und entspannter Wachheit im Alltag den Blick fürs Wesentliche finden und sich im aktiven Loslassen, in der Distanzierung vom Stress und in vorurteilsloser Wahrnehmung üben. Und so weiter. An dieser Stelle zwar nicht ausdrücklich gesagt, wird aber doch deutlich genug impliziert, dass Zen-Training dafür nützlich ist, im Alltag, d.h. ganz konkret im Geschäft und in der Wirtschaft, besser zu werden. Und «besser», das bedeutet in diesem Kontext immer: besser für das Wesentliche des Geschäftes und der eigenen Stellung innerhalb der Wirtschaft, soll heißen: für das Wachstum und die Gewinne der Shareholder. Denn was anderes meinen wir, wenn wir heute in einem solchen Zusammenhang, ganz pauschal und allgemein von „gut“ und von „besser“ sprechen? Können wir denn noch, außerhalb der sonntäglichen Predigten, von einem „Gut“ und einem „Besser“ sprechen, das über die Steigerung von Marktanteilen und des Shareholdervalues hinausgeht? Das Gute, das die in unserer Kultur anscheinend unüberbrückbare Kluft zwischen der technischen und wirtschaftlichen Effektivität, dem «guten Funktionieren» auf der einen Seite und dem ethisch Guten auf der anderen überbrückt, ein solchen Gutes können wir häufig genug noch nicht einmal mehr denken.

Aber zurück in unseren Zenwald. Während des Neujahrs-Sesshin anfang dieses Monats haben wir uns auch erlaubt, abends einen Film zu schauen, und zwar Stalker von Andrei Tarkowski (Sowjetunion, 1979). Thema dieses Films ist die Einsicht in die Natur unserer Wünsche und Visionen. Im Film unternehmen drei Männer, aus ganz unterschiedlichen Motiven, eine schwierige Reise in einer gefährliche «Zone», um ihre Wünsche bzw. Visionen zu erfüllen. Im Laufe dieser Reise lernen sie sich selber so anders und neu kennen, dass ihre anfänglichen vermeintlichen Wünsche und Visionen nicht mehr haltbar sind. Ist nun das gemeinsame Anschauen eines solchen Filmes ein probates Mittel zu dem Zweck, der auf dem buddhistischen Weg angestrebt wird? Was würde der oben zitierte Soto-Zenmeister dazu sagen? – Davon abgesehen, galten Parabeln und Gleichnisse sogar dem historischen Buddha durchaus als probate Lehrmittel, ein großer Teil seiner Reden besteht aus solchen Geschichten. Heute erzählen wir uns unsere Geschichten im Kino und im Streaming-Dienst. Kann das gemeinsame Anschauen solcher Werke (wir sprechen hier nicht vom Familienkino à la Spielberg o.ä.), auch ein angemessenes Upaya sein? Im angemessenen Set und Setting, so unsere vorläufige Antwort, kann man das vielleicht bejahen. Zumindest ist die gemeinsame Rezeption von guter Kunst nicht so entnervend utilitaristisch, wie manches Zen-für-Manager Training, das sich ja zum Teil ja auch dezidiert als «Zen ohne Buddhismus» verkauft. Ein Film von Andrei Tarkowski oder auch von Hayao Miyazaki kann uns – wie letztendlich jedes gute im weitesten Sinne ganzheitlich-menschlich motivierte Kunstwerk – anregen, über unsere eingefahrenen Sichtweisen und Konzepte hinauszukommen. Die Rezeption von Kunst und der Austausch darüber kann die langjährig praktizierte ungegenständliche Meditation zwar niemals ersetzen, aber es scheint, als ob eine solche «Praxis» dabei helfen kann, wieder Worte und Bilder zu finden für das, was über die geschickten Mittel hinausgeht und mit dem eigentlichen Zweck der Übung zu tun hat.

Wenn nun die Mittel – welcher Art auch immer – geschickt angewendet wurden und wieder ein Stück des Weges frei ist, dann fällt aber gelegentlich auch «Material» an, wie bei meiner Aktion mit der Kettensäge nach dem Sturm. Ob das mit dem «Material» auch für den inneren Weg von Belang ist, und wenn ja, wie und welche Rolle dabei die Zeit spielt, darum soll es in den folgenden Zenwaldgeschichten gehen.

(1) Tummo, tibetisch für „innere Hitze, inneres Feuer, der/die Grimmige, rasendes Weib“[1]; sanskrit caṇḍālī bzw. caṇḍa. Zum Beispiel beschrieben in: Alexandra David-Neel. Mystiques et magiciens du Thibet. Pion, Paris, 1929

 

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