Whoami. Wer bin ich und wie schnell kann ich es werden? – Eine Filmbesprechung

Der Film Whoami – Kein System ist sicher (Baran bo Odar, 2014) handelt von einer Hackergruppe – oder von einem einzelnen Hacker … – der/die zunächst nur Spaß haben will mit seinen/ihren Aktionen, dann aber mit wirklichen Kriminellen und mit dem Gesetz in einen ernsthaften Konflikt gerät. Der Titel des Films, die Frage «Who am I?», zitiert ein Kommando des Computer-Betriebssystems UNIX, das den Namen des Benutzers ausgibt und gleichzeitig auch die in esoterisch bewanderten Kreisen bekannte Frage, die der indische Mystiker und Guru Ramana Maharshi (1879-1950) Ratsuchenden als Meditations-Frage mit auf den Weg gab.

Zwecks Selbstergründung sollten diejenigen, die mit ihren Anliegen zum Guru kamen, diese Frage – Wer bin ich? – sich selber, pausenlos wiederholt, in der Meditation stellen, so lange, bis diese dauernde Frage schließlich den Strom der wiederkehrenden Gedanken aufgelöst hat und zu einer Erfahrung führt, die in der mystischen Tradition als «absolute(n) Wirklichkeit, in der es nicht einmal den Gedanken ‚Ich‘ gibt, [und] als ‚Stille‘ bezeichnet wird».(1) Mit dieser Form der «Ergründung des Selbst» auf der Grundlage der Frage: ‚Wer bin ich‘ wurde die Methode Ramana Maharshis auch bei uns bekannt und die von ihm inspirierten Schüler und dann im Westen auftretenden Lehrer hatten und haben bis heute einen deutlichen Einfluss auf die westliche Advaita- und Satsang-Szene.Diese meditativ praktizierte Frage nach dem eigenen Wesen, in der Art, die Formel «Wer bin ich?» andauernd in der Meditation zu wiederholen, bringt, so berichten die Anhänger dieser Tradition, zunächst viele unerwünschte Gefühle oder Gedanken an die Oberfläche, die dann aber alle – wortwörtlich – in Frage gestellt werden. Bevor dann schließlich irgendwann mittels der intensiv geübten Praxis die Gedanken aufgelöst werden und sich eine innere Stille ausbreitet, kann es dem Meditierenden geschehen, dass er nicht mehr wirklich weiß, wer er eigentlich ist und mit welchen Konzepten von sich selbst und mit welchen Zuschreibungen seiner Umgebung er sich identifizieren soll. Die Möglichkeiten sind, in ihrer Summe, einfach zu vielfältig, manchmal direkt widersprüchlich und oft zu verwirrend, um sich selber noch stabil und sicher «verstehen» zu können. Eine solche Meditationspraxis hat das Potential, denjenigen der sich ihr ganz und gar verschreibt, an die Grenze dessen zu bringen, was in der westlichen Psychologie als pathologische Aufspaltung des «Ich» angesehen wird. Eine ähnliche Identitätskrise oder -aufspaltung thematisiert dieser Film. Und die Geschwindigkeit, mit der er geschnitten ist und die Rasanz der Wendungen des Plots verschaffen dem Betrachter, vor allem wenn er diese Techniken nicht gewohnt ist, eine leise Ahnung der Zustände, die vielleicht in jemandem ablaufen, der Drogen- oder sonstwie induziert extreme Umschwünge seiner «Selbsterfahrung» erlebt.

Zum Schluss der Filmhandlung ist der Protagonist wirklich jemand anderer, mit einer neuen Identität bis hin zur neuen Geburtsurkunde. Oder? – Spoilerwarnung! – Oder ist er doch nur …

Wer ist er wirklich? Who am I? Wem, so fragt sich der mit dieser Frage Meditierende, kommen diese Gedanken, wer ist es, der sich diese Frage stellt?

In der Tradition der Mystiker, die der Lehre des Advaita-Vedanta folgen, ist die Hoffnung: «Etwas Tieferes nimmt von dir Besitz, und das ist nicht das ‚Ich‘, das die Suche begonnen hat. Es ist das wahre Selbst, die wahre Bedeutung von ‚Ich‘ […] die Verwirklichung des Selbst. Damit wird der illusorische ‚Ich‘-Gedanke – das Empfinden, eine bestimmte Persönlichkeit zu sein – aufgelöst».(2) Ein solches «Ziel», dass in der indischen mystischen Tradition das höchste erreichbare für einen Menschen darstellt, würde innerhalb der westlichen Psychiatrie natürlich als schwerste Störung betrachtet werden. Und so weisen kleine und kleinste Hinweise im Film auch darauf hin, der Regisseur verrät es auch im Interview: der Protagonist «ist und bleibt schizophren und erschafft sich Figuren, die eigentlich gar nicht da sind».(3)

Die Frage ist natürlich, ob ein Betrachter eines solchen Films, der an Medienprodukte, die in einem solchen Tempo geschnitten sind und auch so rezipiert werden, solche kleinen Hinweise überhaupt mitbekommt. Von den Fragen, die auf der Metaebene der Story anklingen, Fragen der Identifikation und der Identität zum Beispiel, ganz zu schweigen.

Geschwindigkeit ist zwar keine Hexerei – «Keine Tricks mehr» heißt es im Film mehrfach, und zwar gerade dann, wenn jemand so richtig aufs Kreuz gelegt wird – aber das Tempo ist nicht bloß dem Stil der Zeit geschuldet. Tempo hat mehr als ästhetische Bedeutung. Der mit Schwung und der richtigen Rotation geflitschte flache Stein fliegt über die Oberfläche des Wassers und landet vielleicht auf dem anderen Ufer des Teiches, während der langsam ins Wasser fallen gelassene Stein zum Grund sinkt. Die Geschwindigkeit, mit der ein solcher, modernen Sehgewohnheiten angepasster, Film geschnitten ist, lässt uns, mit angeregter Adrenalinproduktion, durch und über die Handlung «flitschen». Um sich klar zu machen, was solches Zeitmanagement bedeuten kann, sollte man sich vielleicht an die Filme von Andrei Tarkowski erinnern, Werke, die das Gegenmodell zu unserem Film darstellen, was die Behandlung der Zeit angeht. In Tarkowskijs Filmen sinken wir – ob wir bis zum Grund kommen, sei dahingestellt – wirklich in die Tiefe der Zeit ein. Tarkowski selber betonte einmal in einem Seminar, das sich in Wirklichkeit dann aber mehr als ein mehrstündiger Monolog entpuppte, er verstünde seine Filme als Skulpturen aus Zeit. Das ist jedenfalls der einzige Satz, den ich von damals erinnere. Lässt man sich aber auf die Geschwindigkeit, oder besser, auf die Langsamkeit seiner Filme ein – was ja mit den Jahren eher noch herausfordernder geworden ist, da sich unsere Maßstäbe verändert, genauer: beschleunigt haben, so gerät man tatsächlich in einen quasi-meditativen Zustand, der einen Zugang zu einer Weise des Sehens und der tatsächlich eher meditativen Rezeption eröffnet, der wohl nicht von einer speziellen – zum Beispiel der Tarkowskijschen – Behandlung der Zeitdimension zu trennen ist. Und die Beschleunigung der Welt und aller Dinge, eben zum Beispiel darin dokumentiert, dass ein die Adrenalinausschüttung anregender Film typisch und gewissermaßen «Standard» für den Zeitgeist geworden ist, bedeutet so gesehen auch einen herben Verlust. Angepasst an den Zeitgeist sind wir verurteilt unser Leben als «Surfer» zu verbringen. Die «Diver» dagegen, also Typen, die von Natur aus den Dingen lieber in aller Ruhe auf den Grund gehen, werden in einer solchen Welt, in einer solchen Zeit, untergehen – das wollen sie zwar auch, aber eben nicht so …

In der mystisch-meditativen Praxis, die sich noch alle Zeit der Welt nimmt, kann die Frage nach der eigenen Identität, die Frage nach der Natur des fragenden «Ich» – wenn es gut geht – zur Befreiung von der Identifikation mit den Phänomenen, Konzepten und Zuschreibungen führen in die wir erst einmal verstrickt sind. Während in der Verwirrung der Identitäten in einer besinnungslos beschleunigten Welt das Spiel mit der Frage nach der Natur des eigenen «Ich» in eine rettungslose Verblendung führen kann, eine Verblendung allerdings, die unter Umständen, manchmal, mit enormen Einkommensmöglichkeiten und hoher Reputation verbunden sein kann. Solange es gut geht.

Eine wirkliche Beantwortung der Frage «Wer bin ich?», eine Beantwortung, die uns weiterführt, braucht aber, daran ändert auch der beschleunigste Zeitgeist nicht das Geringste, ihre Zeit. Und wenn wir uns, wie die mit dem richtigen Schwung geworfenen flachen Steine, nur über Oberflächen bewegen, haben wir keine Chance, einer Antwort auf diese Frage auch nur ansatzweise auf den Grund zu kommen. Einsinkenlassen – und in gewissem Sinne auch «Untergehen» – ist für die Beantwortung mancher Fragen, so ist die Natur nun einmal, unvermeidbar, Zeitgeist hin oder her. Wer das aber doch vermeiden oder überspringen will, ist dann auch gezwungen – genau wie der Film – alle Fragen offen zu lassen. Manche – oder die meisten – Dinge lassen sich nicht skalieren. Ein Elefant, der tausendmal schwerer ist als ein Kaninchen, bewegt sich deswegen nicht tausendmal flinker. Das Verhältnis von Masse zu Größe skaliert im dreidimensionalen Raum eben nicht linear. Eine japanische Teezeremonie, auf die dreifache Geschwindigkeit beschleunigt, transportiert eine andere Stimmung als das Original; und nicht bloß dieselbe Stimmung dreimal schneller. Als die Samurais im mittelalterlichen Japan die buddhistische Meditation, in Japan Zazen genannt, adaptierten, hatten sie keine Zeit. Kämpfe mussten gekämpft und Schlachten mussten geschlagen werden und der Tod kam schnell. Aus dem Zen-Buddhismus wurde Zen-ohne-Buddhismus, wie er auch heute gerne Managern angeboten wird, die ja auch keine Zeit haben.

Meditation, wenn sie, wirklich im Sinne der Erfinder, transformative Prozesse auslöst und begleitet, braucht ihre Zeit. Nicht nur ein Film, auch ein transformierter Mensch ist eine Skulptur aus Zeit. Schneller meditieren geht leider nicht. Oder wird zu etwas völlig anderem. Meditation oder Zen als transformierende Dynamik ist und bleibt eben etwas vollständig anderes als Wellness- und Entspannungsmeditation und Zen-für-Manager. Zeit lässt sich in diesem Zusammenhang eben nicht skalieren.

Hätte ich das nicht eher sagen können? Schneller? Gleich im ersten Satz? Ja. Nein, denn dann hätte es nicht gewirkt. Nicht so. Wir sind nicht nur im dreidimensionalen Raum auf einem Planeten inkarniert, sondern auch in der Zeit und wir brauchen die Zeit für das, was wir verstehen können und für das, was wir werden können . Und wenn wir souverän mit ihr umgehen, dann können wir sie uns ja auch nehmen.

Der Film Whoami nimmt sich diese Zeit nicht, er treibt uns wie ein geflitschter Stein über die Oberfläche. Sein Thema, die Frage nach dem Wesen der Identität und nach den wahren Wünschen erinnert an den so völlig anders mit dem Element Zeit umgehenden Film Stalker von Tarkowski (Sowjetunion, 1979) . Auch dort suchen die Protagonisten nach ihrer wahren Identität und ihren wahren Wünschen. Und Tarkowski gibt ihnen und uns die Zeit, in diese Thematik einzusinken. Genauso wie eine japanische Teezeremonie sich die Zeit nimmt und den Teilnehmern Zeit gibt. Und übrigens ist auch ein entschleunigtes Leben nicht bloß dasselbe wie eines im Hamsterrad, nur entspannter, sondern es ist von einer völlig anderen Qualität, es ist etwas völlig anderes – oder kann es zumindest sein. Wenn wir souverän genug sind – oder werden – um uns die Zeit zu nehmen.

Anmerkungen und Literatur: 


(1) Zitat von T. M. P. Mahadevan im Vorwort zu 'Wer bin ich?'

(2) Zit. n.: Gabriele Ebert: Ramana Maharshi. Sein Leben. Lüchow 2003. S. 198

(3) „Als er ihr im Auto den Trick erklärt und die Zuckerwürfel hinlegt, sieht man im Hintergrund jemanden mit einer CLAY-Maske stehen, der da eigentlich gar nichts zu suchen hätte. Damit will ich klar machen: Er ist und bleibt schizophren und erschafft sich Figuren, die eigentlich gar nicht da sind.“ […] In einem Interview bestätigte Odar, er habe die Rolle von Hannah Herzsprung so inszeniert, dass sie die Jungs niemals richtig wahrnimmt oder zu ihnen schaut. Ebenso gesteht Odar: „Für mich gibt es die Typen bis zum Schluss nicht.“ Er lässt die Frage nach der Existenz der Freunde aber für den Zuschauer offen. Die Frage, ob Benjamins Freunde nun echt sind oder Einbildung, ist somit auch zum Schluss nicht geklärt.
 – „Who Am I“ — der singende, tanzende Abschaum der Onlinewelt, Lisa Ludwig (24. September 2014), Vice, abgerufen am 25. April 2015

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