Der Himmel ist grausam

Die weit verbreitete New Age Idee, dass es zum Guten führen würde, wenn man seiner Intuition und den Hinweisen des Himmels folgt, nach dem Motto: «Folge deinem Herzen» (unter der Annahme, dass dann alles «gut» wird), mag ja – wer weiß? – letztendlich stimmig sein, die Frage ist nur, was man als „das Gute“ betrachten möchte und wieviel Leiden man bereit ist, in Kauf zu nehmen, um dieses «Gute» hervorzubringen?

Um es an einem Beispiel zu erläutern: Der junge erfolgreiche Arzt Viktor Frankl, frisch verheiratet und in der Erwartung von Nachwuchs, fragt sich – es ist 1941 und die Nazis „säubern“ gerade Europa – ob er ein schon ausgestelltes Visum nutzen und mit seiner jungen Familie in die USA reisen und dort Karriere machen oder ob er in Wien bleiben und seinen alten Eltern beistehen soll, die womöglich von den Nazis abgeholt werden. Er kann sich nicht entscheiden, geht in eine Kirche, hört sich die Orgel an und wünscht sich einen himmlischen Hinweis. Zuhause angekommen liegt auf dem Wohnzimmertisch ein Stück Marmor. Es ist ein Bruchstück der gerade von den Nazis zerstörten Synagoge und man kann auf dem Stein die Worte aus den zehn Geboten erkennen, die davon sprechen, Vater und Mutter zu ehren. Viktor Frankl folgt dem „himmlischen Hinweis“ und bleibt in Wien bei seinen Eltern. Die Folge: Er konnte seine Eltern natürlich nicht retten, sondern kam, zusammen mit seiner schwangeren Frau, selber ins Konzentrationslager. Sein Vater starb im Ghetto Theresienstadt, seine Mutter wurde in der Gaskammer von Auschwitz ermordet und seine junge schwangere Frau starb im KZ Bergen-Belsen.

Viktor Frankl selber überlebte das Lager und schrieb im Jahr darauf sein berühmtes Buch «…trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager». Später begründete er die Logotherapie und die Existenzanalyse. Die Erfahrung des Schrecklichsten und die Enttäuschung seiner tiefsten Hoffnungen – die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner jungen Frau nach der erwarteten Befreiung hatte ihn im Lager aufrecht gehalten – brachte etwas in ihm hervor, was er vielleicht, so kann man wohl plausibel spekulieren, in einer wunderbaren Karriere in Amerika nicht in dieser Form hätte entwickeln können.

Wenn ein Mensch einen anderen – mit Absicht – in ein solches Schicksal getrieben hätte: die Eltern im Ghetto oder im Lager umgekommen, die junge geliebte und schwangere Ehefrau unter grauenhaften Umständen im Lager gestorben, er selber an der Grenze zur Verzweiflung, als er nach seiner Befreiung davon erfuhr … – hätte ein Mensch jemanden in ein solches Schicksal getrieben, würden wir diesen Menschen mit gutem Grund für unmenschlich grausam halten. Wenn aber der Himmel einen Hinweis gibt oder eine starke Intuition ein Schicksal in solche Bahnen lenkt, dann … – ja, was? Dann finden wir das himmlisch? Und wir empfehlen dann: „Folge deinem Herzen!“?

Wenn wir als – bewusste oder unbewusste – New Age Gläubige solch einen „Hinweis des Himmels“ oder „des Herzens“ anderen Menschen geben sollen, oder wenigstens dazu raten, einem solchem Hinweis oder Impuls zu folgen, wieviel Leiden würden wir den Menschen um uns herum zumuten wollen, um sie zum inneren Wachstum und zu einem «Guten» jenseits der Komfortzonen und jenseits des Konsumglücks zu führen? Wie grausam könnten wir sein, im Namen des inneren Wachstums und der Potential- und Persönlichkeitsentfaltung? Und wenn wir eine spirituelle Praxis aufrecht erhalten oder sogar andere dabei unterstützen, dann sagen wir, besonders diejenigen unter uns, die schon einmal in Japan im Zen-Kloster waren, gerne und leichthin: «Wachstum findet jenseits der Komfortzone statt». Aber wieweit «jenseits» würden wir gehen? Sicherlich nicht so weit, wie «der Himmel», der dem jungen Viktor Frankl das Stück Marmor auf den elterlichen Wohnzimmertisch legte, aber wie weit denn dann?

Dass ein Konsumglück, selbst ein fast vollkommenes, also sozusagen der Himmel auf Erden per Erfolg auf allen Ebenen entsprechend dem kategorischen Imperativ des ‚Pursuit of Happiness‘, aber ohne «Meaning», also ohne «Sinn», wie Viktor Frankl ihn verstand … – dass ein solches Leben nicht alles sein kann, darüber werden heute sogar schon in amerikanischen Publikumszeitschriften Artikel veröffentlicht.(*) Irgendetwas zutiefst Menschliches, Menschengemäßes, wird nicht erfüllt, wenn wir unser ganzes Leben innerhalb der Komfortzonen verbringen, so erfolgreich und von «Happiness» erfüllt unser Leben dann auch sein mag. Darüber sind wir uns – anscheinend auch kulturell – heute wohl einig. Aber wieviel «jenseits der Komfortzone» wir uns nun wünschen oder zumuten oder gegenseitig anraten sollten, darüber gibt es wohl noch Diskussions- und Meditations-Bedarf.

Und was ist denn nun mit dem Himmel, ist er wirklich grausam?
Angesichts dessen, was er uns zumutet, scheint der Himmel größere Stücke auf uns zu halten und uns mehr zuzutrauen, als wir selber es in der Regel tun. Insofern sind wir ein wenig in der Bredouille: entweder wir sprechen dem Himmel – oder dem Dharma oder dem Tao oder wie man es auch immer nennen möchte – tatsächlich eine außerordentliche Grausamkeit zu oder wir gestehen ein, dass wir uns, in unserem Bestreben nach Komfortzonenabsicherung, in einer kulturell unterfütterten Selbstunterschätzung eingerichtet haben. – Was wäre uns lieber?

 

(*) Siehe z.B.:  Emily Esfahani Smith. There's More to Life Than Being Happy. The Atlantic, Jan 9, 2013
oder:  Scott Barry Kaufman. There Is No One Way to Live a Good Life. Humanistic psychology is an uplifting, compassionate view of humanity. Scientific American, September 21, 2017

 

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