Die Hütte – Religionsphilosophie im Film

Wenn sich die Fachwelt vor bestimmten Themen drückt, die aber irgendwie «dran sind», dann wird dieses Thema vom Zeitgeist aufgegriffen und irgendjemand, bevorzugt jemand, der weder Akademiker noch ausgebildeter Künstler ist, schreibt einen Song oder eine Geschichte, und das Lied oder das Buch wird dann, einfach per Mundpropaganda, zum Millionenseller.

In diesem Fall schrieb der Kanadier William P. Young eine Geschichte zunächst nur für seine fast erwachsenen Kinder und wurde gedrängt, sie zu veröffentlichen. Das Buch (The Shack), im Selbstverlag erschienen, landete 2008 auf Platz Eins der Belletristik-Bestsellerliste der Times.

Von der Kritik wurde Buch und Film als nicht ernstzunehmend mit einem Achselzucken abgetan. Der Erfolg von Buch und Film zeigt aber, das damit ein Nerv getroffen wurde. Die Thematik, eine Mischungs aus Theodizee und der Frage, wie ist Heilung von Traumata möglich, ist als Thema offensichtlich «dran». Allerdings sind die Dialoge im entscheidenden Mittelteil des Films wirklich, man kann es nicht anders sagen, schmerzhaft platt. «Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich liebe», erklärt Gott, in der Gestalt einer Afroamerikanerin, dem vor Schmerz über seinen persönlichen Verlust in die Depression gefallenen Protagonisten. Und «Gott» ergänzt dann, wie eine Therapeutin aus dem Lehrbuch: «Das ist schon in Ordnung mein Junge, lass es heraus». Billiger geht es nicht, aber das ist hier kein Argument. Dieses Buch, dieser Film will kein Kunstwerk sein, sondern Ausdruck des kollektiven Halbbewussten. In diesem Film sagt «Gott» dann sogar, und schlichter geht es nun wirklich nicht mehr: «Ich tue alles zu deinem Besten».

Gottes Haus. Octavia Spencer als Gott und Sam Worthington als arme Seele.

Dieser Glaube, den jede gute Mutter ihrem auf die Nase gefallenen Kind vermittelt: Ich hab dich lieb und alles wird gut!, dieser Glaube hat etwas mit einem basalen Lebens- und Ausdruckswillen zu tun, ohne den wir, ohne den keiner von uns, auf Dauer durchkommt. Wer das gar nicht mehr glauben kann, weder offen proklamiert noch in seinen geheimsten Glaubensreserven, der hat ein echtes Problem. Ohne einen basalen Rest dieses Kinderglaubens sind wir entweder reif für den Strick oder reif für den Antritt der Reise eines wirklichen spirituellen Weges. Aber das ist eine andere Geschichte, das ist nicht Thema dieser Geschichte und dieses Films. Dieser basale Glaube, wenn er denn noch vorhanden ist – worauf er sich auch immer stützt – hat ja das Potential, Menschen aus tiefen Depressionen herausholen; wahrscheinlich ist es dem Autor des Buches so geschehen, man meint, durch alle Plattitüden hindurch, es mit Händen greifen zu können.

Wirkliche Religiosität, wirkliche Spiritualität kann aber noch um einiges mehr verlangen … Dokumente darüber sind auch weit verbreitet. Das alte Testament, bzw. die Autoren der Bücher des alten Testamentes waren da schon, was das angeht, weit mutiger und radikaler. Im Buch Hiob etwa, dem wohl ersten Literatur gewordenen Versuch und Ansatz einer Theodizee, wird die Geschichte von eben dem Mann Hiob geschildert, der wirklich ein Mann ist, wie er sein sollte, ein erfolgreicher und gottesfürchtiger Familienvater aus dem Bilderbuch. Alles gelingt ihm, obwohl er sich so peinlich genau wie kaum ein anderer an die guten alten Regeln hält, er hat Kinder, Erfolg, Güter, Ansehen, alles. Dann geschieht ihm ein Unglück. Und dann noch eins und dann noch eins. Er verliert Familienmitglieder, seine Güter, schließlich auch noch seine Gesundheit. Er ist am Boden, und zwar so richtig, in Sack und Asche und mit Geschwüren am ganzen Körper und allem. Und dann kommen seine Freunde, beklagen seine traurige Lage und einer nach dem anderen findet eine Rechtfertigung für seinen erbarmungswürdigen Zustand. Er müsse wohl doch gegen irgendwelche Regeln oder Gottesworte verstoßen haben, vielleicht ohne es selber zu merken? Ob es das nicht sein könne? Oder vielleicht wolle Gott ihn prüfen, seine hervorragenden Qualitäten noch einmal mit einer schweren Prüfung auf eine allerletzte Probe stellen? Könnte das nicht sein. Jeder der Freunde des Erbarmungswürdigen, dem so viel Leid geschehen ist, bemüht sich, eine Rechtfertigung zu finden. Und dann, nachdem die Freunde wieder abgezogen sind – Hiob selbst hat keine dieser Rechtfertigungen gelten lassen – öffnet sich der Himmel und der Höchste selbst, oder jedenfalls seine Stimme, wendet sich, aus einem sich anbahnenden Gewitter heraus, an den Geschundenen. Und der Arme, vom Schicksal zu Boden Gedrückte, wettert los, schimpft, beklagt sich, jammert, klagt noch einmal an, wütet, setzt den Höchsten so richtig auf den Pott. Und der Höchste, bzw. dessen Vertreter, hört sich das alles an und antwortet dann, sinngemäß, so: DU denkst, dass DU in Schwierigkeiten steckst? DU armes Würstchen glaubst, du hättest Probleme? Hast du eine Ahnung womit ICH es zu tun habe? Der Leviathan im Ozean macht ständig Schwierigkeiten, ich muss ihn bändigen. Die Sonne und der Mond, von mir auf die Bahn gesetzt, müssen auf dieser gehalten werden, hast du eine Ahnung, was das für eine Anstrengung bedeutet? Die Winde müssen gelenkt und die Erde beruhigt werden. Und die ganzen Ungeheuer auf dieser Erde in ihren Schranken gehalten! Und überhaupt, ICH habe die ganze Veranstaltung überhaupt erst einmal in Gang gesetzt, und jetzt hab‘ ICH das alles an den Hacken! Der Maehlstroem muss in seine Grenzen verwiesen werden, und der … – und so weiter, und so weiter. Der Höchste breitet das ganze Chaos des Universums und seine eigene weltengroße Anstrengung, damit zurechtzukommen, aus. Und dann schaut der Höchste, bzw. dessen PR-Mann, aus dem himmelweiten Gewittersturm, der aus dem Nichts heraus aufgezogen ist und inzwischen von Horizont zu Horizont reicht, auf den schon ganz verdatterten und geplätteten Hiob herunter und schnauzt ihn noch einmal so richtig mit aller Macht des Höchsten an: «DU glaubst, dass DU armes Würstchen Probleme hast …?!» Und dann verschwindet der Höchste. Und weg ist er.

Der Autor dieser Geschichte muss eine verdammte Ehrfurcht vor der Größe der Schöpfung oder «des Universums» gehabt haben, sonst hätte er so etwas nicht schreiben oder besser: erzählen, können, damals, vor zweieinhalbtausend Jahren, wurde ja wohl eher noch erzählt. Irgendwie muss diesem begnadeten Dichter oder Erzähler seinerzeit einmal aufgegangen sein, dass die Welt unermesslich, unmenschlich, viel größer und gewaltiger ist, als ein Mensch es auch nur ansatzweise sich vorstellen kann. Eine solche Überwältigung kann – eine ungewohnte Idee für uns, zugegeben – vielleicht auch therapeutische Wirksamkeit entfalten, immerhin wird das sogenannte «Ich» dadurch bis an die Grenze des Nichtmehrvorhandenseins relativiert. Das Buch Hiob könnte man insofern durchaus buddhistisch interpretieren. Wenn man unbedingt wollte …

Aber die Erzählung von Hiob ist nun natürlich keine Theodizee in unserem Sinne, es ist einfach ein Dokument der Überwältigung. Ein Dokument einer Überwältigung durch die Einsicht in die Größe und Übermacht der Natur – «des Universums», wir wir sagen würden –, einer Übermacht, die über alles menschlich-allzumenschliche Maß hinausgeht.

Vor dem Hintergrund dieser biblischen Erzählung wird dann so etwas wie das Buch, das die Grundlage für den Film ‚Die Hütte‘ bildet, auf sein menschlich-allzumenschliches Maß zurückgezoomt. Es bleibt, vor einer wirklichen genuinen künstlerischen Leistung, wie wir sie z.B. eben noch im Buch Hiob vorliegen haben – und wenn wir die emotionale Überladung, die im Film sehr aufdringlich rüberkommt, abziehen – nicht mehr viel davon übrig. Und, ja, trotzdem, das Buch ist – sein Erfolg, der nicht von Werbestrategen gepusht wurde, beweist es – ein Ausdruck dessen, was heute im kollektiven Halbbewussten aktiv ist. Insofern hat es uns etwas zu sagen. Und zwar über uns selbst, über die halbbewussten kollektiven Gedanken und Bilder und Ideen und Vorstellungen, die in unserem Zeitgeist ihr Wesen und ihr Unwesen treiben. ‚Die Hütte‘ kann ein Instrument zur Selbsterkenntnis unseres inneren Zustandes und unserer inneren kollektiven Prozesse sein. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Und: «Mit jeder liebenswürdigen Tat wandelt sich das Universum. Zum Besseren», wird dem Protagonisten von der ungewohnt dargestellten Dreieinigkeit erklärt. Dagegen ist nichts zu sagen. Ob man nun an Karma glaubt oder an die Dreieinigkeit oder an den Humanismus. Und Viktor Frankl, Konzentrationslager-Überlebender und späterer „Logo-Therapeut“, brachte seinen Klienten ja auch bei, unabhängig davon, woran sie glaubten, sich selber zu fragen: Wie kann ich das, was mir zugestoßen ist, für etwas Gutes nutzen?

Und noch eine Anmerkung in Sachen Buddhismus und Therapie. Im Film geht der Protagonist durch einen intensiven inneren Prozess, indem er lernt, seine eigenen Traumata und – damit verknüpft – seinen Hass und seine Anklagen, zu überwinden oder, wenn man so will, zu «transformieren». All diese inneren Prozesse sind Prozesse innerhalb einer Persona-Struktur, die in der klassischen spirituellen Praxis des ostasiatischen Buddhismus schlicht und simpel nicht vorkommt. Die uralte asiatisch Weisheit, die in der Überzeugung besteht, Persona-Strukturen wären sowieso nur Maya und Illusion, finden konsequenterweise auch keinen Platz im Leben innerhalb eines Ordens, in dem die Person nichts zählt und jede Minute nach strikten Regeln gelebt wird, oder in einem Set und Setting, das derart anstrengend und fordernd gehalten wird, dass überhaupt keine Energie für Gedanken an irgendeine eigene «Geschichte» mehr übrig bleibt und diese dann auch irgendwann vergessen wird. Und auch diese Methoden können «transformierend» wirken … – wenn es gut geht. Letztendlich zählt das Puddingkriterium: The proof of the pudding is in the eating. Ob man nun der Dreieinigkeit begegnet und lange therapeutische Gespräche mit Jesus persönlich führt oder ein Leben in einem Orden lebt, in dem kein Platz für irgendwelche Persona-Strukturen vorgesehen ist oder ob man Hochleistungsaskese betreibt, innerhalb der das sogenannte Ich mitsamt seiner Traumata so lange ermüdet wird, bis es sich in Wohlgefallen auflöst … – was zählt, ist das Gute, das man tut. Und dass man es auf liebenswürdige Weise tut. Das ist letztendlich das, was wir beitragen können, während wir die Frage, warum Gott – oder wer oder was auch immer – das Universum so eingerichtet hat, wie er es eben eingerichtet hat, durchaus unbeantwortet und offen lassen können. Wirklich im Nicht-Wissen zu stehen und dann dazu stehen bleiben zu können, dass man wirklich nicht weiß, verleiht ja auch in gewissem Sinne eine Form von Würde. Sokrates lässt grüßen.

Der Film aber bleibt noch auf der Ebene der Freunde Hiobs, er versucht, das Leiden und die Traumata zu erklären und irgendwie nützlich zu machen. Insofern hält er sich an menschlich-allzumenschliches Maß, soviel Gott-Vater, Heiliger Geist und Jesus persönlich auch reden und argumentieren. Die «Begegnung mit Gott» bleibt eine Begegnung mit dem Zeitgeist und mit dem Allzumenschlichen. Das soll aber hier nicht abwertend gemeint sein; eine wirkliche Begegnung ist immerhin schon einmal mehr und besser und heilsamer, als ein ewiges Sich-Einschließen in sich selbst, sei es nun in die eigene Konzepte, Ideen und Ideale oder in den eigenen Schmerz und das eigene Traumata. Es geht eben nicht um Rechtfertigung, es geht um Befreiung. Und dem können ja auch die Buddhisten zustimmen.

Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott.
Orig.: The Shack. Stuart Hazeldine, 2017.
Nach dem Buch von William Paul Young:
The Shack. Windblown Media, Newbury Park, USA.
Dt.: Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott. Allegria, Berlin 2009

 

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