Meditation – und Instrumentalisierung als Default-Einstellung

Wenn wir die Erfahrung gemacht haben, dass es uns hilft, gut durch den Tag zu kommen, wenn wir morgens eine halbe Stunde meditieren und uns deswegen diese – selbstverständlich sehr empfehlenswerte – Praxis mit einer gewissen Disziplin zu eigen machen und davon profitieren, dann tun wir das, wie alles, was wir tun, mittels und innerhalb unserer jeweils zugrundeliegenden Grundeinstellungen. Kann aber Meditation – z.B. gegenstandslose Meditation – uns auch darüber hinaus in eine wirkliche radikale Offenheit bringen? Vorausgesetzt, wir wünschen uns das …?

Wenn wir eine Sache, sei es ein Küchengerät oder ein Smartphone oder eine Ernährungsweise oder eben auch eine Meditationsmethode, daraufhin bewerten, inwiefern sie oder es uns hilft, im Alltag gut zurechtzukommen, dann wenden wir Bewertungskriterien an und beurteilen Dinge und Methoden, während wir diese Kriterien selber nicht in Frage stellen. Die Dinge, Methoden und Hilfsmittel werden dann von uns als Instrumente im Dienste unserer Grundeinstellungen und Vor-Annahmen eingeschätzt. Eine Haltung der Instrumentalisierung ist in gewisser Weise unser Default-Modus.
Was aber wäre denn eine Alternative zu derjenigen Einstellung und Haltung, die alles und jedes – und jeden? – im Sinne der Verwendungsfähigkeit und Dienstbarmachung für Zwecke und Ziele beurteilt, die wir ihrerseits aber nicht beurteilen oder in Frage stellen? Wenn wir es wirklich ernst meinen, mit unserer Praxis einer nicht-gegenständlichen Meditationsmethode, dann wäre diese in letzter Konsequenz auch eine radikale Offenheit gegenüber unseren Grundhaltungen, Zielen und Zwecken. Dann wäre sie eine Einstellung und eine Haltung, in der wir radikal Empfänger sind und schrankenlos offen – ohne jeden Filter und ohne vorgefasste Bewertungen.
Einem solchen Vorschlag könnte man entgegenhalten, dass Wahrnehmung einerseits und Interpretation und Bewertung andererseits für uns niemals völlig trennbar sind. Da wir nun einmal eben auch biologische Wesen mit spezifischen Lebensbedingungen und existentiellen Interessen sind, ordnet sich alles, was wir erfahren und erleben diesen Bedingungen und Interessen unter. Dieser Einwand ist natürlich nicht von der Hand zu weisen; wäre er aber ein absoluter, dann wären wir in keiner Weise entwicklungsfähig, weder als Spezies noch kulturell noch persönlich. Gerade weil wir zwar einerseits als Lebewesen Bedingungen und Grenzen unterliegen, physikalischen, biologischen, sozialen und seelischen, aber andererseits auch Spielräume haben und uns ein gewisses Maß von bedingungsloser Offenheit möglich ist, sind wir diejenigen Wesen geworden, die wir heute eben sind. Wir sind das Ergebnis der Nutzung der Bedingungen UND der Spielräume unserer evolutionären und kulturellen Vorfahren. Und genauso sind auch wir selber fähig zu einer – in gewissen, selber auch auch verschieblichen Grenzen – radikalen Offenheit und «Bewertungsfreiheit».
Ist also eine radikal offene Meditation für uns begrenzte und jederzeit vielen Bedingungen unterworfenen Wesen möglich? Radikal – ja, wenn auch nicht im Sinne von «maßlos». Denn niemand, anscheinend auch nicht «die Natur» oder «die Evolution» kann uns zwingen, an vorgefassten Bewertungskriterien oder Grundhaltungen oder vorgefassten Einstellungen festzuhalten.
Diese radikale Offenheit – innerhalb der genannten Grenzen – ist also eine Möglichkeit, eine Option gewissermaßen, die die Natur uns lässt, aber «die Natur» erledigt das nicht für uns. Genauso, wie unser Bewusstsein Training braucht, um sein natürlich gegebenes Potential ausschöpfen zu können, so braucht eine radikale Offenheit unsere bewusste Anstrengung und gewissermaßen unsere Konspiration, um über unsere – auch sehr «natürlichen» – Begrenzungen, Vorannahmen und gewohnten Bewertungskriterien und Zielvorstellungen hinauszukommen. Einfach darauf zu hoffen, dass wir uns nur jeden Tag meditativ hinzusetzen bräuchten, damit sich Radikales tut, bleibt allzuoft nur eine Hoffnung.

Aber wann, in welchem aller Leben,
sind wir endlich offen und Empfänger? (*)

Wenn wir – bewusst oder unbewusst – an unseren Voreinstellungen und Bewertungsmaßstäben, unserem Default-Modus gewissermaßen, festhalten, dann nützt uns noch so langes und ausdauerndes «Nur-Sitzen», wie die Anleitung der Zen-Lehrer gelegentlich lautet, nicht das Geringste um zu einer über das Default-Maß hinausreichenden Offenheit zu kommen.
Eine radikale voraussetzungslose innere Offenheit ist auf unsere bewusste Kooperation – und gewissermaßen Konspiration – genauso angewiesen wie die Entwicklung unseres kritischen Bewusstseins auf eine kulturelle Offenheit für dessen Möglichkeiten angewiesen bleibt. Diese Möglichkeiten aber bestehen und es ist jetzt für uns „nur“ die Frage, ob wir diese Optionen überhaupt in Anspruch nehmen möchten …

 

(*)  Rainer Maria Rilke. Sonette an Orpheus, V.  Chateau de Muzot,1922

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