Langes Sitzen bei Sokrates

Gelegentlich gebe ich, nur so zum Spaß, bei amazon.de in das Suchfeld die beiden Begriffe «Glück» und «Buddhismus» ein. Die Menge der Buch-Vorschläge, die man dann angeboten bekommt, steigt ständig, momentan liegt sie allein bei den deutschen Titeln bei 1236 Büchern und auf englisch, bei amazon.com, sind’s 2136. (Man fragt sich jetzt, ob die Amerikaner besser sind im Glücklichmachen, weil sie mehr Bücher darüber schreiben, oder ob sie mehr Rat in Buchform nötig haben …) Aber wahrscheinlich müsste man erst mal einen Schnelllesekurs absolvieren und englisch doppelt so schnell lesen können wie deutsch, wenn man nur den laufenden Zuwachs an Veröffentlichungen, der einem allein aufgrund dieser Begriffskombination angeboten wird, einfach nur kursorisch durchlesen wollte um auf dem Laufenden zu bleiben. Vom Verstehen noch ganz zu schweigen. Denn man könnte sich ja fragen, warum all diese Bücher von vielgelesenen Autoren und hochrangigen buddhistischen Lehrern, etwa «Die Praxis des glücklichen Lebens» von Thich Nhat Hanh oder die «Die Regeln des Glücks» vom Dalai Lama und einem Co-Autor (wir fragen jetzt höflicherweise mal nicht, wer von beiden das Buch tatsächlich geschrieben hat) oder ganz schlicht und klipp und klar: «Glück» von Matthieu Ricard … – denn nun nötig sind; alle diese klaren und einfachen und offenbar gern und viel gelesenen Bücher, die uns klar und deutlich sagen, wie der Weg zum Glück aussieht – wenn man das tatsächlich sagen und formulieren und hinschreiben und lesen könnte, denn dann könnte man das ja in ein Buch hineinschreiben und dort nachlesen und gut ist es. Oder? Warum braucht es tausend oder zweitausend Bücher und jede Woche ein paar mehr?
Und warum wollen wir auf diese Frage – was ist das Glück und wie bekomme ich es – eigentlich einen nordindischen Weisen und dessen Jünger befragen, warum wenden wir uns nicht an die Zuständigen aus unserer eigenen Tradition? Zum Beispiel an Sokrates, wo doch, wie Alfred North Whitehead jedenfalls meinte, alle abendländische Philosophie aus Fußnoten zu Platon, dem Sekretär Sokrates‘, besteht? Weil Sokrates uns nichts zum Glück zu sagen hat? Tatsächlich ging es bei Sokrates, statt um «Glück» auch eher um Weisheit oder um «Arete», womit nicht die schlichte Tugend gemeint ist, sondern eine umfassende Tauglichkeit, in dem Sinne, dass ein Schuh etwas taugt, wenn er den Fuß schützt und das Laufen angenehmer macht. Ein Athener Aristokrat hat seinerzeit Arete, wenn er in der Diskussion auf dem Forum gut argumentieren kann, auf dem Schlachtfeld seinen Mann steht, im Symposium eine Ballade zum Besten geben und im Stadtrat, wenn das Los ihn trifft, regieren kann. Ein Mann mit Arete ist ein Mann, der etwas taugt. Wie kann man also, so wurde damals Sokrates zum Beispiel befragt, Arete lehren, damit alle athenischen Männer etwas taugen und nicht bloß die paar besten? Das Muster der platonischen Dialoge geht dann in der Regel so, dass Sokrates erst einmal zurückfragt, was denn der Fragesteller selber glaubt, der dann auch schon eine Meinung hat, und im Rest des «Dialogs» zerpflückt Sokrates das vermeintliche Wissen des Fragestellers, der heimlich gar nicht wissen, sondern nur seine eigene Meinung bestätigt haben will, durch die Fragetechnik, für die Sokrates eben berühmt ist. Und zum Schluss ist der Fragesteller und heimliche Meinungs-Inhaber völlig irritiert, weil Sokrates ihn, darin besteht ja eben die sokratische Kunst, dazu gebracht hat, die Haltlosigkeit der eigenen vorgefassten Meinung zu beweisen.
Was kam denn nun aber bei den so berühmten sokratischen Dialogen, außer einer Aporie, d.h. einer Unaufgelöstheit (wörtlich: a-porie, nicht-Weg oder nicht-Ausweg) heraus? Und wenn Sokrates sich selber als Geburtshelfer verstand, was war es dann, das er in den Menschen zum Licht der Welt verhelfen wollte? Wir haben den Verdacht, dass sich das so einfach jetzt nicht sagen lässt und außerdem auch den Verdacht, dass uns Sokrates wieder nur mit Aporie zurücklassen wird und uns die tausend Bücher der Lehrer des Buddhismus in der Qual der Wahl des davon für uns richtigen vor dem virtuellen Bücherregal schier verzagen lassen. Frustriert schauen wir uns dann erst mal einen schönen alten Film an. Schließlich gibt es im ordentlichen Hollywoodfilm, zuverlässiger als bei Sokrates und ohne die Qual der Wahl wie bei Buddhas Ratgeberbüchern, zum guten Schluss doch auch immer ein Happy End. Aber das würde uns ja wieder nur neidisch machen, also wählen wir einen dieser alten Film Noir, wo es eben kein Happy End gibt. Im klassischen Film Noir – dieser einzigen Sparte der Filmkunst, die damals nicht unter Happy-End-Zwang stand (heute würde es wahrscheinlich am Ende ein Glück in Schwarz geben müssen), wurde uns aber in der Regel gleichwohl auch eine Moral von der Geschicht‘ geboten. Wenn aber kein Glück, was dann?
Das ging in der Regel so: Nachdem der Held, üblicherweise ein mittelprächtig erfolgreicher Privatdetektiv, von einer wunderschönen Frau dazu gebracht wurde, einen aussichtslosen Fall zu übernehmen, im Verlaufe der Verfolgung dieses Falles mehrfach verprügelt und angeschossen, schließlich pleite und von der wunderschönen Femme fatale, in die er sich natürlich rettungslos verliebt hat, verlassen, zum – nicht guten – Schluss von seinem besten Freund gefragt wird: Und? Wenn du noch mal am Anfang dieser Geschichte stehen würdest und könntest dich, mit deinem jetzigen Wissen noch mal entscheiden, ob du den Fall übernehmen würdest, was würdest du tun? Und der Held zündet sich eine Zigarette an, sagt nichts, aber er hat dieses andeutungsweise Lächeln im Gesicht während die beiden in den Regen hinausgehen und man weiß genau: ja, natürlich. Natürlich würde er den Fall wieder übernehmen. Selbst, wenn er wüsste …

… der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Kann es sein, dass der Film Noir an dieser Stelle – wagen wir es zu denken? – tatsächlich weiser und tiefsinniger sein könnte, als ein Matthieu Ricard oder all die anderen Glücksexperten im Dienste der buddhistischen Lehre? Dem Helden im Film Noir geht es eben überhaupt gar nicht um «Erfolg» und um «Glück». Ja, sicher, er verlangt 200 Dollar plus Spesen, er will seinen Lohn und sein beruflicher Ehrgeiz lässt ihn mit vollem Einsatz nach dem Bösewicht forschen; aber dann zu abstrahieren und zu sagen, es geht ihm, «wie uns allen …» um Erfolg und Glück, diese unsere vorgefasste Meinung würde Sokrates uns mit souveräner Leichtigkeit zerpflücken. Das heißt, Sokrates würde uns derart geschickte Fragen stellen, dass wir selber uns schließlich gezwungen sähen, die Haltlosigkeit unserer vorgefassten Meinung zu beweisen. Und unsere vorgefasste Meinung, die wir von all den Glücksratgebern bestätigt haben möchten und die ein Sokrates uns als Illusion erkennen lassen würde, ist eben die Idee, dass wir «Glück» und «Erfolg» wollen.
Der ehemalige IBM-Manager und heute viel gefragte Tagungsredner Gunther Dück kommt in einem seiner «Daily Duecks», in dem es um Erfolg, Charisma und Reichwerden geht, zu dem Schluss: «Langes Sitzen bei Sokrates mag etwas in uns erzeugen, was über den Verstand geht».(1) Diese Sache mit dem «lange sitzen» erinnert die Zen-Praktizierenden unter uns natürlich sofort an schmerzhafte – oder vielleicht auch euphorische? – Stunden der gegenstandslosen Meditation oder der «Beatmung» eines Koan auf dem Sitzkissen. Und auch von diesen Stunden wurde uns von den Lehrern gesagt, dass sie über den Verstand hinausgehen müssten, um fruchtbar zu werden. Warum tun wir das also? Viele Stunden, Tage, Monate, auf dem Kissen sitzen? Warum schreibt also ein Schriftsteller? Warum nimmt ein Privatdetektiv einen Fall an? Warum meditieren wir monatelang? Na, um Erfolg zu haben. Warum sonst. Denkt man. Denn «Erfolg», als Abstraktum, fällt uns immer gleich ein, wenn uns eine Frage nach dem Warum gestellt wird oder wir sie uns selber stellen. Überhaupt fallen uns leicht und gern Abstrakta ein. Auf alle möglichen Fragen hin. Warum …? Antwort: «Erfolg». Wird aber ein Schriftsteller in entspannter Situation befragt – am besten einer der Erfolg hatte, dann ist er entspannt … –, dann erzählt er vielleicht: Ich bin ein Word-Nerd, ich habe Lust daran, passende Wörter zu einem gut funktionierenden Absatz zusammenzustellen.(2) Und man merkt dann, ja, Erfolg gut und schön, aber der wahre Antrieb ist die Lust beim Tun. Wer beim Tun diese Lust verspürt, der tut es eben. Es sei denn, man hat keine Zeit, weil man Geld verdienen muss und abends zu müde ist, um das zu tun, wofür man wirklich Lust hat. Dann wird man kein Schriftsteller. Auch kein Erfinder und auch kein Maler, oder was immer. Diejenigen, die wirklich etwas erfinden – zumindest diejenigen, von denen wir hinterher hören – oder die malen oder was auch immer, und die dann wirklich Erfolg haben, die haben den Erfolg, weil sie dasjenige getan haben, ohne das sie eben nicht leben konnten. Und weil sie auch noch eine unglaubliche Menge an Glück dazu hatten. Diese Menschen schreiben oder erfinden oder malen eben schon morgens, auch wenn sie noch kein Geld verdient haben und in der Garage der Eltern erfinden oder in einem ungeheizten Schuppen malen müssen oder, oder, oder. Diejenigen, die erst mal Geld verdienen und die vernünftig sind, die werden eben … – wir verstehen schon.
Auch dann, wenn es um «Erfolg, Charisma und Reichwerden» geht, dann spielt eben, so scheint es sich zu zeigen, nicht der Verstand die Hauptrolle und meist sogar auch noch nicht einmal die Vernunft … – tatsächlich wirkt die Vernunft in dieser Hinsicht sogar oft eher hinderlich – sondern etwas anderes, was eben nicht erschöpfend damit beschrieben ist, dass wir Abstrakta benennen. Schon gar nicht solche Abstrakta wie «Glück» und «Erfolg» … Jetzt kommen natürlich die alten und auch neuen Anhänger des in die Jahre gekommenen New-Age, und sagen: Ist doch klar, man sieht nur mit dem Herzen gut! Ja, das sagen sie, und dann gehen sie hin und vervollständigen ihre Bibliothek mit Glücksratgebern. Denn auch die Söhne, Töchter und Enkel und Enkelinnen der Alternativ- und New-Age-Generation waren ja auf- und ausgebrochen, aus dem Gefängnis der Bürgerlichkeit und des Verstandes, auf der Suche nach dem Glück. Was denn sonst sollte man suchen, im Leben?
Immer landen wir wieder bei den leicht und schnell benennbaren Abstrakta. Und wenn wir keinen Sokrates haben, der uns unsere vorgefassten Meinungen zerpflückt, dann glauben wir eben unter dem Strich doch dem, was unser Verstand absondert, d.h. den Abstrakta, und kaufen uns das nächste Buch des aktuell gerade gehypten Neurologen und Glücksforschers. Um endlich zu erfahren wie man denken muss, damit man glücklich wird.
Vielleicht aber sollten wir lieber statt dessen doch noch einmal einen dieser alten Film-Noir anschauen, und den Helden zum Schluss, nachdem er alles verloren hat, dabei beobachten, wie er mit seinem Freund in den grauen Regen hinausgeht und verschwindet … – und uns dieses vielleicht nur ganz vage am Horizont unseres Herzens dabei auftauchende Gefühl – keine Abstrakta jetzt, bitte! – als Koan vornehmen. Ohne jede vorschnelle Verbegrifflichung und ohne jedes Abstraktum. Dann hätten wir vielleicht – vielleicht, mit Glück – die Chance, wenigstens zu erahnen, was das für eine Art von Kind sein könnte, dem der alte Sokrates bei seinen Schülern zur Geburt verhelfen wollte.

 

(1) Gunther Dueck: omnisophie.com DD230: Dürftige Studien oder Was ist Charisma? 17. Dezember 2014 

(2) David Mitchell erzählte es einmal so in einem Interview. Nachdem er den großen Durchbruch mit «Wolkenatlas» hatte.

Flattr this!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.