25 Ways to Make Love to the Earth

Die «25 Ways to Make Love to the Earth» von Elizabeth Stephens und Annie Sprinkle beruhen auf einer Misskonzeption … – eine vielsagende Misskonzeption. Der letzte Satz «… until death brings you closer together» zum Beispiel geht wie selbstverständlich davon aus, dass wir, solange wir Leben, eine Distanz zur Erde haben könnten oder gar getrennt von ihr existieren würden, …

25 Ways to Make Love to the Earth

 1 Tell the Earth, “I love you. I can’t live without you.”
 2 At first you may feel embarrassed to be lovers with the Earth.
      Let it go. It’s OK.
 3 Spend time with her.
 4 Ask her what she likes, wants, and needs– then try to give it to her.
 5 Massage the Earth with your feet.
 6 Admire her views often.
 7 Circulate erotic energy with her.
 8 Smell her.
 9 Taste her.
 10 Touch her all over.
 11 Hug and stroke her trees.
 12 Talk dirty to her plants.
 13 Swim naked in her waters.
 14 Lay on top of her, or let her get on top.
 15 Do a nude dance for her.
 16 Sing to her.
 17 Kiss and lick her.
 18 Bury parts of your body deep inside her soil.
 19 Plant your seeds in her.
 20 Love her unconditionally even when she’s angry or cruel.
 21 Keep her clean. Please recycle.
 22 Work for peace. Bombs hurt.
 23 If you see her being abused, raped, exploited, protect her as best you can.
 24 Protect her mountains, waters and sky.
 25 Vow to love, honor and cherish the Earth until death
      brings you closer together forever.

… aber wir sind in der Wirklichkeit niemals von der Erde getrennt. Sogar ein Astronaut auf der ISS befindet sich noch im Schwerefeld der Erde und das Essen und das Wasser, das er aus seiner alufoliekaschierten Mittagessentüte saugt und die Luft, die er atmet, stammen nicht nur von der Erde, sondern sind ein Stückchen – oder ein Schlückchen – Erde. Und er selber ist schließlich auch «von der Erde», im doppelten Sinn des Wortes. Von uns, die wir voll und ganz in die Biosphäre eingebettet sind, ganz zu schweigen. Sind Elizabeth Stephens und Annie Sprinkle, von denen die 25 Punkte stammen, ExtraterrestrierInnen? Kommen sie von Beteigeuze oder Aldebaran? Wenn nicht, dann sind sie schon Erde. Schon bevor sie tot sind! Ein Teil jedenfalls. Und der Zwischenraum, den sie – wie wir Teilnehmer der industriellen Zivilisation heute allesamt – zwischen sich und der Erde sehen, ist eine optische Täuschung. Oder sind die beiden Damen etwa Astralwesen, die von der Mentalebene herab auf die Erde schauen? Dann würde die Aufforderungen zum Liebeständel mit dem Planeten Sinn machen. Und: «Spend time with her!» – Ja, zum Kuckuck, mit und auf wem soll ich meine Zeit denn sonst verbringen? Mond? Jupiter? Die Auswahl ist da in Wirklichkeit nicht so groß. Die Idee, dass wir von der Erde und der Biosphäre getrennt sein könnten um dann aus dieser Distanz eine hier empfohlene Beziehung aufbauen, dokumentiert eine in letzter Zeit global grassierende Wahnvorstellung. Allerdings eine von der Sorte, die so weit verbreitet ist, dass nur diejenigen, die sie nicht verinnerlicht haben, Gefahr laufen, als behandlungsbedürftig zu gelten.
Natürlich kann ich, während ich faktisch auf der Erde und in der Biosphäre lebe, träumen oder mir in meinem Kopf vorstellen, ich wäre von der Biosphäre getrennt oder unabhängig oder könnte mir selber eine «Biosphäre II» bauen oder irgend so eine Absurdität. Aber das sind nur Spinnereien in meinem Kopf – der allerdings auch aus Erdebestandteilen zusammengesetzt ist und auch noch nie wirklich von der Erde getrennt war. Sogesehen kann eine kleiner, infinitesimal kleiner, Teil der Erde sich vorstellen, von der Erde unabhängig und souverän zu sein. Agiert die Erde also etwa in meinem Kopf ihre eigenen kleinen Selbstabspaltungsphantasien aus? Die dann wieder – jetzt wird’s kompliziert –, nach dem Motto, «Make Love to the Earth», autoerotisch kompensiert werden? Punkt 20: Muss man sich Lady Gaia als Bitch vorstellen? Lynn Margulis, und die musste es ja wohl wissen, meinte, «Gaia is a tough bitch». Das scheint jedenfalls der Schluss, zu dem man sich gezwungen fühlt, wenn man sich selber nicht als Alpha-Centaurianer oder als Aldebaraner oder als Astralwesen auf Landurlaub verstehen will. Denn dann sind wir alle Teil und Ausdruck der Erde, dieser alten Schachtel, die mit sich selber Spielchen treibt. Aber vielleicht ist sie so alt gar nicht und – in kosmischen Zeitmaßstäben – noch eine jugendliche PlanetIn, die auf ihre ureigenen Identitätsprobleme mit Schnippeleien reagiert und wir sind bloß ihre Rasierklingen? Da wäre dann der Aufruf, Make Love to Earth, der Aufruf zur therapeutisch verstandenen Selbstliebe? Und warum fällt uns dazu die alte Geschichte ein, von der Slavoj Zizek erzählte, dass die Montenegriner – die als obsessiv faul galten – sie von sich selber erzählten (vor dem Krieg, danach nahm niemand mehr sich selbst auf die Schippe), diese Männer, die so faul seien, dass sie, statt zu masturbieren, ein kleines Loch in die Erde machen würden, sich drüberlegen und auf ein Erdbeben warten. Womit Punkt 18 und 19 aus der Liste von Elizabeth Stephens & Annie Sprinkle schon mal abgehakt wären.
Aber mal ernsthaft jetzt: Diese unsere Existenz IST ein konstantes Durch-Einander-Hindurchgehen. Wenn ich gehe, dann gehe ich durch die Atmosphäre. Und währenddessen, jedenfalls solange ich atme, geht die Atmosphäre dieses Planeten durch mich hindurch. Wir könnten kaum länger als drei Minuten überleben ohne dieses Durch-Einander-Hindurchgehen. Meine Nahrung geht durch mich hindurch und irgendwann gehen meine Bestandteile durch andere Lebewesen hindurch. Noch einmal: Dieses ständige und unablässige Durch-Einander-Hindurchgehen IST das Leben auf diesem Planeten. Wenn ich in den Garten gehe und einen Teil der Erde, den sie mir entgegenstreckt, nehme und dann durch mich hindurchgehen lasse, dann geht ein Teil der Erde durch einen anderen Teil der Erde hindurch ohne dass es jemals eine wirkliche Trennung gegeben hätte. Diese Art Make Love to the Earth, zu der Elizabeth Stephens & Annie Sprinkle uns anregen möchten, findet ständig statt, wir können nur in den Wahn verfallen, dass es nicht so wäre …
Aber so, wie wir in einen solchen Wahn verfallen können, so können wir auch etwas Produktives zu diesem Durch-Einander-Hindurchgehen dazugeben. Etwas, was die Erde alleine so nicht kann und was wir von uns aus dazu tun können, von Elizabeth Stephens & Annie Sprinkle nur ein wenig wie nebenbei angesprochen: Punkt 6 «Admire her …». Das kann man noch stärker sagen. Denn, «admire», das heißt nicht bloß mit offenem Mund staunen, sondern es bedeutet auch ein Stück Arbeit unsererseits, nämlich zum Beispiel dieses Staunen in eine Form zu fassen, eine Form, die es so vor uns nie gab:

«Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus,
Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, –
höchstens: Säule, Turm . . . aber zu sagen, verstehs,
oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals
innig meinten zu sein.»

«Wir sind», erklärt Rilke es selber; «im Sinne der Elegien, [..] diese Verwandler der Erde, unser ganzes Dasein, die Flüge und Stürze unserer Liebe, alles befähigt uns zu dieser Aufgabe (neben der keine andere, wesentlich, besteht). …»
Durch-Einander-Hindurchgehen – das IST das Leben. Nur im Wahn der Illusion einer Getrenntheit kann man sich etwas anderes vorstellen. (Ein Wahn, dessen Folge und Kollateralschäden dann auch die Degradation dieser Biosphäre sein kann …) Aber wir, wir können unser Schauen und unser Sagen zu dem irdischen Durch-Einander-Hindurchgehen dazutun. Das wäre dann unser eigentliches «Geschenk» an die Erde und das irdische Dasein, es wäre unser ganz eigener Weg von «Making Love to the Earth».

 

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25 Ways to Make Love to the Earth. Elizabeth Stephens & Annie Sprinkle.
 Posterdesign: Katharine Gates

Rilke Zitat aus: Rainer Maria Rilke. Duineser Elegien - Kapitel 9
 „Wir sind die Bienen des Unsichtbaren“, schreibt Rainer Maria Rilke 1925 in einem Brief
an seinen polnischen Übersetzer Withold Hulewicz, „Wir tragen leidenschaftlich den Honig des Sichtbaren ein, um ihn im großen goldenen Bienenkorb des Unsichtbaren anzuhäufen.“

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