Zen-Buddhismus ohne Buddhismus?

Wir kennen Kaffee ohne Koffein, Würstchen ohne Fett, Bier ohne Alkohol und Kuchen ohne Zucker. Diese Dinge-ohne werden immer beliebter und sie gelten ganz allgemein als gesünder als die Dinge-mit. Auch mentale Techniken aus dem Hinduismus, dem Taoismus und dem Buddhismus werden heute gerne ohne den -ismus angeboten. Also zum Kaffee ohne Koffein das Zen ohne Buddhismus. Ist aber Zen ohne Buddhismus auch gesünder als mit?
Die Frage ist, ob wir das «ohne …» verstehen. Vollständig. Dazu eine Geschichte aus dem Film Ninotschka von Ernst Lubitsch (1939): Ein Mann kommt in ein Restaurant verlangt vom Kellner einen Kaffee ohne Sahne. Fünf Minuten später kommt der Kellner zurück und sagt, wir haben keine Sahne mehr, wir haben nur noch Milch. Darf ich den Kaffee auch ohne Milch bringen?
Die Art und Weise der Negation ist eben nicht gleichgültig. Deutlicher wird das in einem Dialog zwischen Ewan McGregor and Tara Fitzgerald im Film Brassed Off (Mark Herman, 1996). Die beiden, bzw. die von ihnen dargestellten Figuren, haben sich gerade etwas näher kennengelernt, er begleitet sie zu ihrer Wohnungstür und sie fragt ihn dann: Willst du mit hochkommen auf einen Kaffee? Und er sagt: Ich trinke keinen Kaffee. Darauf sie: Ich habe auch gar keinen. Die doppelte Negation, ich trinke keinen Kaffee und die schlichte Mitteilung, ich habe auch gar keinen, wird zur puren Einladung zum Sex ohne den geringsten Anflug von Vulgarität.
Die Art und Weise der Abwesenheit von etwas impliziert – ohne es sagen zu müssen, mehr noch, ohne es denken zu müssen – gelegentlich etwas ganz anderes. Dieses Andere ist aber gerade das Entscheidende. Wie in dem kurzen Dialog, Willst du Kaffee? Ich trinke keinen. Ich habe auch keinen.
Wer im Bioladen Würstchen ohne Fleisch und Kaffee ohne Koffein und Kuchen ohne Zucker kauft, dokumentiert damit etwas, was weder mit dem einen noch mit dem anderen zu tun hat, sondern mit einer für diesen Menschen zentralen Haltung. Und so macht auch derjenige, der Wert darauf legt, Zen ohne Buddhismus zu praktizieren, mehr deutlich, als nur ein Weglassen von Unnötigkeiten und eine Vereinfachung. Der Mann im Restaurant will nicht einfach nur Kaffee, wenn er Kaffee ohne Sahne verlangt. Das Ohne ist ihm wichtig und der Kellner hat völlig recht, wenn er nachfragt, ob es auch Kaffee ohne Milch sein darf. Wenn ein Manager wert darauf legt, dass er im Seminar Zen ohne Buddhismus beigebracht bekommt, dann ist diese Negation genauso nicht einfach ein bloßes Weglassen, sondern sie markiert ein Vorhandensein von etwas, das mit etwas im Buddhismus nicht kompatibel sein kann. Dieses Etwas könnte zum Beispiel der Moment der Ethik sein, mit dem sich der Manager nicht befassen will. Aber auch das stellt eben keine neutrale Position und bloße Negation dar, sondern die Einladung – nicht zum Sex – sondern zu etwas, das er mit Zen-ohne-Buddhismus unterstützen will. Zen ohne Buddhismus ist, wie sich dann zeigt, nicht einfach nur Meditation ohne Glauben, sondern es ist mentales Training mit einem anderen Glauben. Der Manager, der Wert auf das Ohne in Bezug auf Zen und Buddhismus legt, macht das, weil er schon etwas hat. Statt dessen.
Slavoj Zizek, von dem ich mich auf diese Geschichten habe bringen lassen (für deren Verwendung ich aber natürlich selber verantwortlich bin und die Zizek auch nicht auf Zen bezieht …) fügt noch einen Witz über die Montenegriner hinzu, die im Ex-Jugoslawien notorisch als Faulpelze bekannt waren. Warum stellt ein Montenegriner abends ein leeres und ein volles Glas Wasser auf seinen Nachttisch? Weil er zu faul ist, darüber nachzudenken, ob er nachts durstig sein wird oder nicht. Das leere Glas markiert die Möglichkeit der Abwesenheit von nächtlichem Durst. Wenn ein Manager keinen Buddhismus zum Zen will, dann will er nicht nur Buddhismus nicht, sondern er will etwas anderes. Ob er selber wirklich genau weiß und positiv sagen kann, was das ist, das er statt dessen will, bleibt offen, aber er kann deutlich machen, dass da etwas ist, indem er die Negation wählt. Und Negationen sind, wie die Beispiele jetzt gezeigt haben dürften, in aller Regel nicht einfach bloß neutrale Abwesenheit.

Zenschüler

Ein deutscher Zen-Lehrer, der auch spezielle Zen-Seminare für Manager anbietet – mit dem OHNE … im Werbetext – meinte einmal in einem Interview, dass es für seine Klientel (bei Managern verbietet es sich, von «Schülern» zu reden …) nicht nur darum gehe, die Koan richtig zu lösen, sondern vor allem auch darum, die nötige Power zu entwickeln und zum Ausdruck bringen zu können. Es geht eben, wenn es heißt, bitte keinen Buddhismus zum Zen, nicht bloß um die Abwesenheit des Buddhismus, sondern es geht dann in aller Regel um ein Statt-dessen. Zum Beispiel eben um Geistesgegenwart und Redegewandtheit in Situationen, die keine klare logische Antwort zulassen – Koan-typisch – und um das Entwickeln und Zum-Ausdruck bringen können von Power.
Zen-Buddhismus ohne Buddhismus wird damit von etwas vorgeblich «kulturell und ideologisch» Neutralem – wie das Zen dann zum Beispiel angepriesen wird – zu etwas ideologisch höchst Aufgeladenem. Und die doppelte Negation, ich will kein Zen mit Buddhismus, wir bieten auch kein Buddhismus zum Zen an, wird zu einem Zen mit neoliberalismuskompatiblem Powerplay.
Das Zen ohne …  ist eben ganz und gar nicht ohne ….  Und ein solches Training kann durchaus «effektiv» und höchst wirksam sein. Das ist es ja, was es für viele Leute so attraktiv macht. Mentale Power und Geistesgegenwart ohne Weisheit und Mitgefühl.

Zur Erinnerung. Was waren noch einmal die Grundideologeme des Buddhismus:
Alles hängt mit allem zusammen.
Alles verändert sich.
Ein unabhängiges, dauerndes und auf sich selbst beruhendes «Ich» ist Illusion.

Wenn jemand also keinen Buddhismus möchte, sondern eine Zen-Praxis ohne … – dann liegt das fast immer daran, dass das, woran ihm wirklich liegt und was er mit einer mentalen Power-Praxis unterstützen möchte, mit diesen drei Sätzen im offenen oder verborgenen Widerstreit liegt. Und zwar ganz gleich, ob er sich dessen nun klar bewusst ist oder ob er dabei «nur» einem anderen verborgenen Ideologem folgt.
Ein Zen-ohne … will zum Beispiel fast immer «gesund» sein. So wie Kaffee ohne Koffein und Würstchen ohne Fett. «Gesund» bedeutet dabei auch: ein stabiles «Ich» unterstützend. Wobei ein erweitertes «Ich» – also das, mit dem man sich wesentlich identifiziert – auch der eigene Clan sein kann oder die eigene Firma oder die eigene Nation.
Ein Zen ohne … will fast immer deutliche Grenzen ziehen: zwischen sich selber und dem anderen: zwischen der eigenen Firma und dem Konkurrenten, zwischen der eigenen Nation und dem Gegner, zwischen dem eigenen Bild von sich selber und dem, was andere in einem sehen … Natürlich ist das möglich. Es funktioniert. Man kann mentale Techniken, auch die aus dem Zen-Buddhismus, einsetzen im Sinne einer Optimierung der Gesundheit und des Erfolgs und damit dann eben auch für die Stabilisierung eines «Ich». Und man kann mentale Techniken einsetzen für die Stärkung der psychischen Schlagkraft und Widerstandsfähigkeit, wie das die Manager in den Zen-für-Manager-Seminaren wünschen. All das ist möglich.
In jedem Fall aber bleibt Zen-ohne-Buddhismus kein Neutrum sondern steht immer im Dienst des jeweils herrschenden Ideologems. Das konnte vor hundert Jahren ein hybrider japanischer Nationalismus sein und das kann heute der allgegenwärtige Neoliberalismus sein, der sich innerhalb der herrschenden Markwirtschaft als Alleinherrscher breit gemacht hat. Es gibt kein Zen-ohne; es gibt Zen-Buddhismus und es gibt Gesundheitsfetischismus-Zen und es gibt Powerplay-Manager-Zen.
Neutral ist niemand.

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Kommentare

Zen-Buddhismus ohne Buddhismus? — 1 Kommentar

  1. Gleichgültig mit welchem Label eine Meditationsübung versehen wird – mit und ohne -ismus, Manager-Zen, Wohlfühl-Meditation oder „authentisches“ Rinzai-Zen in der Tradition von Ich-habe-alles-gecheckt-Roshi XY -, der Erfolg bleibt doch in jedem Fall höchst fraglich – und eine ethische Orientierung ist nur ein Teil dieses Erfolgs, nicht aber dessen Voraussetzung. Wie van de Wetering in einem seiner Bücher seinen baseballglotzenden Lehrer zitiert: „Die tausend Bälle… Manche von ihnen schaffen es.“ An welcher Stelle soll denn die Implementierung ethischer Regeln dabei hilfreich sein? Erreicht irgendjemand schneller kensho, wenn er gewaltfrei Nasepopelt? Ethisches Verhalten ergibt sich von selbst aus in Praxis gereiften Einsichten, Stichwort: Karma bzw. Überprüfiung der Folgen des eigenen Handelns. Wenn trotz goldenem Lätzchen japanische Konzentrationslager, lethale Menschenversuche und/oder das Durchvögeln willfähriger Schülerinnen gerechtfertigt werden – dann hat der Betreffende eben noch nicht ausreichend auf dem Kissen geköchelt. Inka shomei ist auch nur ein Stück Papier, und Koans sind Fleißarbeit. Du kannst kensho erfahren, ohne dass sich unmittelbar eine weniger verpeilte Alltagshaltung daraus ergibt. Du kannst ungeprüfte ethische Regeln berücksichtigen, ohne dass sich daraus kensho ergibt. Kensho enthält allerdings das Potential zu einem Transformationsprozess. Es ist der Backstein, an dem du dauerhaft nicht vorbei kommst. Freuen wir uns doch darüber, dass inzwischen auch das deutschsprachige Management die Gelegenheit erhält, von einem Backstein getroffen zu werden.
    Meinst Du, Deine Praxis wird in irgendeiner Form davon diskreditiert, dass Hinnerk Zen-Meditation dazu missbraucht, um seinen Kontostand zu manipulieren? Das passiert nur, wenn Du es zuläßt.
    Die meisten Menschen missbrauchen Zen. Da muss niemand lange suchen, um Beispiele zu finden; meistens reicht bereits der Blick in den Spiegel. Was bewegt erwachsene Menschen überhaupt dazu, sich zu verkleiden und mit Abzeichen zu behängen? Wie vielen, die sich den silas verpfichten, gelingt es deswegen, ihre Zerstörungsspuren signifikant zu reduzieren? In den allermeisten Fällen bleibt es beim Posen, und damit kann man viel Zeit verbringen.
    Sofern wir es für nötig halten, die Früchte unserer Einsicht mit anderen zu teilen, scheint es mir angebracht, es nicht in Appellen zu einem „Engagenment gegen…“ münden zu lassen, sondern in Appelle zu einem „Engangement für…“. Natürlich ist Hinnerk ein armes Würstchen, und es erfordert ein fortgeschrittenes Übungsstadium, um nicht in Fremdschämen zu verfallen, sobald er den Mund aufmacht. Er ist insofern ein Prüfstein unserer eigenen Übung. Laßt uns aber nicht darüber lamentieren, sondern stattdessen lieber Zazen üben! Und wenn es Arme-Würstchen-Zen ist…

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