Vollständigkeit – statt «Glück» und «Effizienz». Nietzsche und Rinzai.

Als Gary Snyder, 1956 von Ruth Fuller Sasaki eingeladen, im Daitoku-ji in Kyoto praktizierte, schaute er sich den Betrieb einige Wochen an und als er alles inspiziert hatte, ging er mit einer Liste von Verbesserungsvorschlägen, was den Ablauf und die Organisation des Klosteralltags anging, zum Jikkijitsu. Der leitende Mönch hörte sich all die vernünftigen und auf Effiziens zielenden Vorschläge sehr höflich an, sagte aber nichts dazu. Dabei blieb es. Als Snyder einige Zeit später bei einem der Senior-Mönche nachfragte, was denn nun mit seinen Optimierungsvorschlägen wäre, nahm der alte Mönch den jungen eifrigen Amerikaner beiseite und erklärte es ihm.

Es würde beim Zen-Training, so der alte Mönch, nicht um Effiziens gehen. Es geht nicht darum, die Dinge mit möglichst wenig Aufwand zu tun. Es geht auch nicht darum, die Dinge in Rekordzeit zu erledigen. Um alle diese Dinge, im amerikanischen Wertesystem entscheidende Kriterien für DAS GUTE und das Anzustrebende, geht es dort nicht. Worum aber geht es denn dann? Der alte Mönch drückte es, in Gary Snyders Übersetzung so aus: es geht darum, die Dinge vollständig zu tun. Was das konkret heißt, erläuterte einmal Richard Baker Roshi seinen Schülern, anlässlich einer Übungsrunde, in der es darum ging, mit japanischem Mönchsequipment zu essen, also mit Schalen und Stäbchen. Er sagte: Stell dir vor, du sollst überraschend ein Kleinkind betreuen, einen Säugling füttern und wickeln. Und wir nehmen an, dass du damit noch keine wirkliche Erfahrung hast. Dann hältst du den kleinen Fratz auch nicht mit der linken Hand am Bein hoch und telefonierst nebenbei mit der Rechten und lässt noch im Hintergrund die Nachrichten laufen und machst dann noch nebenbei Einträge in deinem Terminkalender. Das tust du – hoffentlich – nicht. Statt dessen wickelst du dieses kleine absonderliche Alienwesen mit aller Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, zu der du nur in der Lage bist. Und du bekommst ja auch unmittelbares Feedback. Und wenn du nicht gerade ein Psychopath bist, dann wirst du dich, nach vollbrachter Tat, auch freuen, wenn der Gegenstand deiner Bemühungen dich tatsächlich anlächelt. Du hast deine Sache VOLLSTÄNDIG gemacht, vielleicht nicht in Rekordzeit und vielleicht nicht supereffizient, aber – das lächelnde kleine Etwas bestätigt es – gut genug. Darum geht es. Beim Säuglingwickeln und beim Zen-Training. Die Dinge VOLLSTÄNDIG tun. Das musste Gary Snyder im Daitoku-ji noch lernen. Effiziens und Geschwindigkeit sind eben nicht das Maß aller Dinge. Wie aber sollen wir, wie wollen wir leben, wenn nicht möglichst schnell und möglichst effizient?

Friedrich Nietzsche stellt uns – als Gedankenexperiment – vor die Frage: Wie würden wir reagieren, wenn ein Dämon uns ankündigt, wir müssten unser Leben, unser gesamtes Leben, mit Allem und Allem ohne Ausnahme, wieder und wieder, bis in alle Ewigkeit, immer noch einmal leben … – würden wir zusammenbrechen und mit den Fäusten auf den Boden trommeln und fluchen und verzweifeln oder würden wir frohlocken und danken und lobpreisen? Die Idee – Nietzsches Gedankenexperiment – dahinter ist, sich vorzustellen, wie es wäre, keine Wertungen zu machen und Alles und Jedes, wie auch immer wir es betrachten und bewerten, als erlebenswert zu begrüßen. In dieser Sichtweise wäre das Leiden dann nicht etwas, von dem man erlöst werden möchte, wie im Christentum, oder etwas, das man vermeiden möchte, wie in der Schopenhauerschen Auffassung des Buddhismus, sondern etwas, das im Zusammenhang mit dem Ganzen, mit dem vollständigen Leben, begrüßt und umarmt wird. Von diesem – ganzen und vollständigen – Ansatz aus gelebt, so Nietzsches Auffassung, würde dann selbst das Furchtbare und Düstere des Lebens, das es von einem partikulären, auf Auswahl und Bewertung beruhenden Standpunkt betrachtet, auch immer haben muss, im Ganzen und Vollständigen gewissermaßen „aufgehoben“ sein. Diese Idee, alles im eigenen Leben, sowohl das Glück als auch das furchtbare Unglück und sogar die düstersten Ecken der eigenen Schattenseiten selber gewissermaßen autonom stemmen und „aufheben“ zu können, stellt natürlich eine hybrid-heroische Idee par excellence dar und der Größenwahn zeichnet sich in solchen „Gedankenexperimenten“ schon am Horizont ab …
Nietzsche selber, als junger Mann nicht gerade mit Glück, Gesundheit und Erfolg gesegnet und dann auch noch von seiner Angebeteten, der großen Lou Andreas Salome, mit der er sein Leben teilen wollte, im Regen stehen gelassen, flüchtete aus dem allzumenschlichen Leiden in nahezu übermenschliche Regionen einer Gedankenwelt, die sich über alle bisherige Philosophie zu erheben meinte. Er ging in die Berge, schrieb ‚Also sprach Zarathustra‘ und visionierte den Übermenschen. Dabei handelt es sich nicht um einen genetisch optimierten Superman, sondern um einen Menschen mit einer über das gewohnte Maß hinausgehenden Grundhaltung. Einer Haltung, die sich von allen Konventionen und Traditionen befreit hat. Der Übermensch ist ein Befreiter. Er hat sich von externen Quellen der Bestätigung und der Orientierung gelöst. Er ist sein eigener Herr, sein eigener Gesetzgeber und auf jeden Fall jemand, der alles, wirklich alles, umarmen kann. Weil er eben diese Kapazität besitzt.
Den Zen-Praktiker aus der Rinzai-Tradition erinnert dieser Übermensch natürlich sofort an Rinzais ‚Mensch ohne Rang und Namen‘. Ist dasselbe gemeint? Nachdem wir zunächst einmal die «Superman-Assoziationen», die wir vielleicht mit dem Ausdruck ‚Übermensch‘ verbinden, beiseitegelegt haben, erscheint die Parallele nicht mehr so ganz weit hergeholt. Nietzsche weist uns in diesem Zusammenhang auch auf unsere problematische Auffassung von ‚Glück‘ hin und darauf hin, dass sich oft nur das hart und mit Leiden und Entbehrungen erarbeitete Glück als wahrhaftes Glück erweist. Mit einem Hubschrauber auf einem Gipfel abgesetzt zu werden, ist ein anderes – letztendlich geringeres – Gipfelerlebnis, als dasjenige nach einem tagelangen mühsamen Aufstieg. Extrahiert man die Hindernisse, die man auf dem Weg zum Ziel überwunden hat, von der Gesamterfahrung, wird das Erlebnis des Erreichens leer. Schmerz, Entbehrung und Mangel ist, sogesehen, nicht die Gegenthese zum Glück, sondern sogar in gewissem Sinne dessen Ermöglichung.

Grumpy old man (?)

Wäre Rinzais eigene «Erleuchtung», seine eigene innere, schließlich erreichte Freiheit, die ihn zu einem ‚Wahren Menschen ohne Rang und Namen‘ machte, wie er mit einem alten taoistischen Ausdruck das Ziel nannte, geringer gewesen, wenn sein Lehrer ihn nicht geprügelt und von sich gewiesen und er nicht von einem Lehrer zum anderen gelaufen wäre – übrigens zu Fuß und ohne BaföG und über in China seinerzeit übliche Distanzen … – und wenn er nicht das ganze, damals nicht gerade relaxte, Klostertraining mitgemacht hätte? Wer weiß.

Als Nietzsche sein Buch ‚Jenseits von Gut und Böse‘, (auf eigene Kosten, weil kein Verleger sich traute, es ins Programm zu nehmen) veröffentlichte, schrieben die Kritiker, es wäre gefährlich wie Dynamit. Wir sind heute kulturell an einer anderen Stelle, gefährliche Bücher gibt es nicht mehr … – warum eigentlich nicht? Sind wir so abgebrüht, dass uns nichts mehr hinter dem Ofen hervorlocken kann? Oder hat sich der aufrüttelnde und irritierende Geist, von dem ein Nietzsche besessen war, aus unser aller Leben zurückgezogen? Weil wir zu den mediokren Herdenmenschen mit trivialen Interessen, den «letzten Menschen», geworden sind, deren Heraufkunft der Autor des Zarathustra befürchtete: «der letzte Mensch, der alles klein macht. … Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln».
Um diese (Schreckens- ?) Vision zu illustrieren könnte man sich an unsere Faszination für Surrogate erinnern: Wir neigen immer mehr dazu, Kaffee ohne Koffein zu trinken und Bier ohne Alkohol, wir essen Würstchen ohne Fett oder gleich ganz ohne Fleisch, wir rauchen (E-) Zigaretten ohne Nikotin und essen Kuchen ohne Zucker. Und so weiter. Und sogar die Liebe bekommen wir jetzt, von einer amerikanischen Partnerschaftsvermittlungsfirma in deren Anzeigen angeboten, ohne Leidenschaft: «With us you get the love without the falling», verspricht die Agentur und bezieht sich auf den englischsprachigen Ausdruck «to fall in love», für das Leidenschaftliche und jede Kontrolle und Vernunft Überschreitende der erotisch-leidenschaftlichen Liebe. All das wollen wir nicht mehr, der Zucker, das Koffein, das Fleisch, die Leidenschaft … – das ist uns alles zu viel und außerdem ist es ungesund. Wie sagte Nietzsche es so wunderbar prophetisch: Wir haben das «Lüstchen für den Tag und … für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. Wir haben das Glück erfunden …».
Und in die Konsumartikel sind schon die Ablasszettel integriert. Starbucks sagt: Ja, unser Kaffee ist zehn Cent teurer, aber davon gehen fünf Cent zu den armen Kindern in Nicaragua und mit fünf werden Bäume in Äthiopien gepflanzt. Folglich können wir Konsumenten einfach weiter konsumieren, unser potentiell schlechtes ökologisches Gewissen ist mit dem Kauf beruhigt. Fast möchte man noch einen Kaffee mehr kaufen, um noch mehr Solidarität zu üben und noch mehr Gutes zu tun … – was würde Rinzai dazu sagen?
Um ein, vielleicht jetzt mögliches Missverständnis zu vermeiden: natürlich geht es, weder bei Nietzsche noch bei Rinzai darum, pseudobefreit auf die Kacke zu hauen und weder links noch rechts zu schauen. Das wäre Zen für Adoleszente, also Quatsch. Die Befreiung bedeutet eben nicht die Auflösung der Zusammenhänge, in denen wir leben. Im Gegenteil, das Leben vollständig zu leben, schließt auch Verantwortlichkeit und konkret übernommene Verantwortung mit ein. Freiheit und Befreiung bedeutet nicht Zusammenhanglosigkeit.
Wir erinnern uns an die berühmte kleine Geschichte, in der Rinzai, schon im fortgeschrittenen Alter und als Lehrer tätig, vor dem Kloster Kiefern pflanzt und er von einem anderen Meister gefragt wird, was er da tue und wofür das gut wäre. Rinzais Antwort ist weder flapsig noch so einfach zu verstehen (und wir verraten hier die Koan-Antwort nicht … ), aber sie zeigt, dass gerade auch für den wirklich Befreiten und denjenigen, der zum ‚Wahren Menschen ohne Rang und Namen‘ geworden ist, ganz konkretes verantwortliches Verhalten, vom Bäumepflanzen bis zum Unterweisen von Studenten, dazugehört. Vollständigkeit eben. Nicht Effiziens und auch nicht „Glück“. Es gehört zur Freiheit dazu, es gehört zum Alles und Alles Willkommen heißen dazu. Nur zur Sicherheit: Dieses „Willkommen heißen“ befreit nicht von den ethischen Forderungen. Sorry. Auch die Ethik gehört zum „Alles“ dazu! – Ein Koan. Oder besser: Ein Meta-Koan, weil man es nicht mit einer Geste oder einem Schrei beantworten kann, sondern ein Leben für die Antwort braucht.

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