Was der Specht sagt

Der Specht klappte den Schnabel auf und zu. Ich stellte die Säge ab und nahm die Ohrenschützer vom Kopf. «’Tschuldigung, was haste gesagt?»
«Wieder nicht richtig zugehört, hm?» Mit einem Auge schielte der Specht in Richtung losem Borkenstück, ob sich da vielleicht was regen würde, mit dem anderen, sehr kritisch, zu mir. »Ich finde das nicht in Ordnung, hab‘ ich gesagt.»
«Äh, tja, sorry, aber … – kannste noch mal …»
«OK, wenn’s sein muss, gaaanz langsam, für tumbe ungefiederte Ohren:
I c h   f i n d e   d a s   n i c h t   i n   O r d n u n g.»
«Äh, ja, soweit hatte ich das schon …»
«Aha. Soweit hattest du schon. Und wieweit noch nicht? Hör mal, wenn’de jetzt wieder hören kannst: die trockenen Kiefern, die du hier absägst – was immer die tumben Ungefiederten mit dem Holz dann anstellen, Essen tut ihr das ja wohl nicht, oder? –, also, diese trockenen Kiefern, die liefern mir für meine kleine Familie, die zu gründen ich mir gerade erlaube, wenn du erlaubst, die nötigen Ressourcen, um sie über die Runden zu bringen. Da ist nämlich gutes eiweißreiches Futter unter der Borke, verstehste? Kannste das verstehen, mit deinem ungefiederten dicken Schädel?»
«Naja, schon, aber äh, …»
«Schon, aber, äh? Geht’s noch? Wie wär’s mal mit ’nem Kommunikationskurs? Seid ihr hier doch ganz groß drin, und gewaltfrei noch dazu. Jedenfalls kommunikativ. Wenn ihr denn mal nicht bloß stammelt. Aber das hier mit der Kettensäge, soll das auch gewaltfrei sein? Gewaltfreies Kettensägen? Häh?»
Anscheinend regte sich unter der Borke was, denn der Specht fokussierte beide Augen auf einen Riss in derselben und hämmerte zwei Stakkatos, dann zog er etwas Weißes, Weiches, Sichwindendes aus dem geschlagbohrten Loch und verschlang es. Anscheinend musste er erstmal für sich selber sorgen, bevor er die Energie hatte, seine in Planung befindliche junge Familie in seine Sorge miteinzubeziehen.
Nachdem er den dicken Brocken, die Augen genüsslich geschlossen, verschlungen hatte, wirkte er versöhnlicher. «Na gut. Ich erklär’s dir noch mal von vorne, obwohl Du das doch wohl eigentlich schon wissen solltest. Aber ‹eigentlich› nützt mir nichts. Tja, so ist das eben mit den tumben Ungefiederten. Also: Wenn du hier die ganzen trockenen und abgestorbenen Kiefern absägst, und ganz danach sieht mir das hier aus, dann sägst du auch an den Ressourcen für meine kleine – wie gesagt, in Planung befindliche – Familie. Ich muss dir doch wohl nicht erklären, dass bloß in den abgestorbenen und trockenen Kiefern die leckeren Sachen – na gut, das ist jetzt Geschmacksfrage, aber auf ‚eiweißreich‘ können wir uns doch wohl einigen, oder? – also, da drin ist das Futter für meine zukünftigen Kleinen. Und wenn ich sonstwohin fliegen muss, um das ranzuschaffen, weil du hier – wie ihr das nennt – ‹aufgeräumt› hast, dann krieg‘ ich höchstens mal so ein zwei von den Kleinen pro Jahr groß, was nicht gerade dazu beiträgt unsere Population stabil zu halten. So abartig lange wie ihr Ungefiederten leben wir nun mal schon von Natur aus nicht. Von meinen armen Artgenossen, die sich an euren lebensgefährlichen Errungenschaften, die so klar wie der Himmel sind aber hart wie Stein, das Genick brechen, ganz zu schweigen. Kurz: Ohne trockene und abgestorbene Kiefern und andere alte und «unansehnliche», wie ihr sagt, Bäume wird es von uns bald noch weniger geben, als es jetzt schon gibt, und es gibt jetzt schon sehr viel weniger von uns, als vor ein paar Generationen, frag‘ mal deine Vorvorderen, ihr lebt ja so lange und nennt euch ‚Homo sapiens‘ … – wie wäre es, wenn ihr die Weisheit, mit der ihr eure Art bezeichnet, auch mal anwenden würdet?»
Anscheinend regte sich wieder was unter der Borke, denn der Redeschwall des fliegenden Schlagbohrers erstarb für einen Moment. Gerade wollte ich zu einer unserer Gattungsbezeichnung angemessenen Antwort ansetzen, aber …
«Sieh‘ mal – ich seh’ ja ein, dass das für eurereinen schwer zu begreifen ist, mit eurem ungefiederten hypertrophierten Schädel –, aber du hast es doch selbst hier gesehen, als der kleine Monokultur-Lärchenwald beinah vom Borkenkäfer platt gemacht wurde, der sich damals explosionsartig vermehrte. Und warum steht der Wald jetzt noch? Na, irgend eine Idee?»
Die Predigt wurde mir inzwischen schon ein bisschen lang, und ich versuchte es mit Einschmeicheln. «Wegen dir?»
«In meinen kleinen Arsch lass’ ich dich nicht reinkriechen, mein Lieber. Aber, etwas allgemeiner verstanden, ja, auch wegen mir, beziehungsweise, wegen meiner Vorfahren; die sich nämlich über die Käfer und deren Larven hergemacht haben. Soll ein Fest gewesen sein damals, wenigstens am Anfang, zum Schluss hin wurde es dann etwas einseitig, rein geschmacklich. Aber ja, meine Vorvorderen haben, indem sie die Borkenkäferlarven daran gehindert haben, über den gesamten Wald herzufallen, deinen schönen kleinen Bestand japanischer Lärchen erhalten. Jedenfalls waren sie maßgeblich daran beteiligt. Und, nur um das gleich nachzuschieben, bevor du wieder fragen musst, das konnten die damals nur tun, weil es sie überhaupt hier in der Gegend noch gab und es gab sie überhaupt hier in der Gegend, weil ihr supersapiens Hominiden den Baumbestand hier herum noch nicht völlig und ganz und gar «aufgeräumt» hattet, wie ihr anscheinend glaubt, dass es eure Pflicht und Schuldigkeit wäre. Denn, wenn es nicht gerade eine Borkenkäferplage – eine logische Folge eurer ach-so-weisen Methode der Waldbewirtschaftung – gibt, dann leben wir eben von dem, was wir aus den trockenem und abgestorbenen, wie ihr es ausdrückt, ich finde das angeblich «abgestorbene» Holz ja sehr lebendig … – was wir an sehr lebendigen Sachen aus diesem angeblich abgestorbenen Holz holen. Und jetzt», dabei fokussierte er beide Augen auf mich, was sehr bedrohlich aussah, «sägst du mir hier diese wunderbaren Futterplätze ab.»
Unter Druck gesetzt, denke ich manchmal nicht lange genug nach und rede mich dann leicht um Kopf und Kragen. «Ich wollte doch nur Feuerholz … – und die Kiefern sind doch schon trocken!»
Der Specht hatte wirklich etwas unheimlich Bedrohliches, wenn er einen so ins Visier nahm und drauflosschimpfte. «Feuerholz? Feuerholz? Du verbrennst einfach diese wunderbaren Quellen der Eiweißproduktion? Hast du sie nicht mehr alle?» Er schüttelte den Kopf und, da er schon mal dabei war, gleich das ganze Gefieder. «Da bin ich ja echt sprachlos.»
«Das würde ich sehr begrüßen», wollte ich sagen, biss mir aber noch rechtzeitig auf die Zunge. Laut versuchte ich mich dann rauszureden. «Wir haben es nun mal gerne warm im Winter und da wir nicht so ein wunderbares Gefieder …»
«Ach. Und das ist jetzt meine Schuld, häh? Bloß weil ich ein Gefieder hab‘, meint ihr, dass ihr die wunderbaren Eiweißquellen im Wald «aufräumen» dürft, um es in eurer Beschönigungssprache auszudrücken, ist das so gemeint, ja? Was soll das denn für eine Logik sein, mein lieber Homo sapiens?»
In meiner Not begann ich zu feilschen. «OK, OK, ich hab’ ja auch die echt morschen Totholzstämme stehen lassen, da hast du ja auch schon einiges rausgeholt, wie ich gesehen habe und ich könnte auch noch ringeln …»
«Ringeln? Ringeln? Du hast doch nicht mal ordentliche Schwanzfedern, was willst du denn ringeln?»
«Herrjeh. Lass mich doch mal ausreden! Ringeln heißt, die Nadelbäume, die mittelfristig durch Laubholz ersetzt werden sollen, einmal rundrum einzuschneiden, dann sterben die ab, und werden, wie du sagen würdest, zu Eiweißquellen.»
«Wenn du sie nicht wieder vorher absägst, damit dir in deinem ungefiederten Zustand nicht fröstelt.»
«Äh, ja, ich meine nein, ich muss sie ja nicht gleich absägen …»
«Aber dann, wenn dir wieder fröstelt? Dann muss wieder der Wald aufgeräumt werden und verbrannt? Man, man, man, – wie kann man nur auf eine so bescheuerte Idee kommen, ich meine, du brennst doch auch nicht deinen Kühlschrank ab, bloß weil dir fröstelt?»
Die ganze Geschichte wurde mir jetzt langsam zu bunt. «Du schimpfst mit dem Falschen», versuchte ich mich zu verteidigen, «wir wollen hier den Monokultur-Wirtschaftswald in einen gesunden und naturnahen Mischwald umwandeln, der …»
«Ach», fiel er mir wieder ins Wort, «naturnah? Ja? Und dann?»
«Wie? Und dann?»
«Und dann verändert ihr die Natur.»
«Also, Moment mal, kann es sein, dass wir jetzt aneinander vorbeireden? Wir wollen hier von der mechanischen, renditeorientierten Waldbewirtschaftung weg und einen stabilen, standortangepassten Mischwald mit Nussbäumen und Beerensträuchern und Kastanien anlegen, beziehungsweise die vorhandene Monokultur in der Richtung umwandeln.»
«So?»
«Ja. So. Was gefällt dir da denn wieder nicht dran.»
«Erst habt ihr die Idee, das Mittel der Wahl wäre ein Wirtschaftswald. Holz als Mittel zur Rendite. Dann möchtet ihr, idealismusgetrieben, etwas Naturnahes anpflanzen. Ihr orientiert also eure Ideale an eurer Vorstellung von ‚Natur‘. Und dann geht ihr hin und verändert die Natur.» Der Specht verdrehte gefährlich die Augen, wie ein Mensch, der sie gegen die Decke schlägt, aber vielleicht suchte er nur die Risse in der Borke auf etwas Sichbewegendes ab.
«Aber, Moment mal, wie … – wer ändert denn die Natur, und überhaupt, kann man die denn verändern?»
«Na dann schau dich doch mal um, hier. Sieht das hier vielleicht aus wie Natur?»
«Aber das ist es doch gerade. Natürlich ist ein Wirtschaftswald nicht natürlich … – deswegen wollen wir doch jetzt einen naturnahen und standortgerechten Mischwald …»
«Aha. Naturnah. Standortgerecht.»
«Ja. Genau.» Langsam ging der kleine gefiederte Kerl mir auf die Nerven, schließlich wollte ich hier Brennholz machen und nicht diskutieren.
«Ich seh’ schon, ich seh’ schon, das mit der Gattungsbezeichnung ist wohl mehr so ein Zukunfts-Programm … hm? Also, dann hab’ ich noch was für euch zur Übung:  Eure Idee ist, hier die renditeorientierte – nicht dass es etwas gebracht hätte, die Idee mit der Rendite … – Kiefern-Monokultur in einen, wie sagt ihr? ‹naturnahen› Mischwald umzuwandeln. Vorher seid ihr der Idee von der Rendite gefolgt, nicht besonders erfolgreich, wie ich anmerken darf, und jetzt folgt ihr der Idee von der Natur. Verstehe ich das richtig?»
«Aber, zum Kuckuck …»
«Ja, den Typen hab’ ich auch gefressen.»
«Herrje!» Langsam wurde ich ungeduldig. «Aber die Natur ist doch keine Idee, die Natur ist doch …»
«Ja? Was denkst du denn? Und was meinst du, wieviele Leute – ungefiederte Leute – ich hier im Wald schon ihre Ideen darüber, was eigentlich ‹natürlich› ist oder sein sollte, habe diskutieren hören. Was hier ‹natürlich› wachsen sollte. Buchen und Eichen zum Beispiel. Ist die Idee von manchen. Andere finden: Ilex und Eibe wäre hier, eigentlich und in Wirklichkeit, das ganz Natürliche. Und ihr meint jetzt, eine Studentenfuttermischung mit Beeren und Nüssen müsste her. Ganz natürlich. Und ich könnte dir noch eine ganze Menge andere Versionen von Naturideen erzählen. Aber du wirst, seh’ ich schon, ungeduldig. Also, denk’ mal drüber nach, mach‘ deiner Gattungsbezeichnung Ehre: Wenn ihr so von euren Ideen von ‹Natur› sprecht, welche Version von ‹Natur› meint ihr dann? Und außerdem: Ihr kommt anscheinend ums Verrecken nicht von eurem ökologischen Fußabdruck runter, seit dreißig Jahren, das sind bei uns Gefiederten eine Menge Generationen, haltet ihr den ziemlich auf gleicher Schuhgröße. Ihr redet nur immer mehr darüber und fliegt immer mehr durch die Gegend, um noch mehr darüber zu reden. Das Fliegen solltet ihr übrigens uns Gefiederten überlassen, wir machen das effektiver … Und aufgrund eures ganzen ineffektiven Hin-und-her-Fliegens und dem Darüberreden und den dabei anfallenden Kohlendioxidemissionen verändert ihr das – angeblich ‹natürliche› – Klima mit einer Rasanz, die ganz bestimmt nicht ‹natürlich› ist und das was ihr ‹standortgerecht› nennt, ist bald nur noch ein Witz, weil dann hier, in fünfzig oder hundert Jahren, ganz andere Arten und Bäume ‹standortgerecht› sein werden, als jetzt, und eure Idee von ‹Natur› und ‹natürlich› werdet ihr dann wohl mal wieder revidieren müssen …  Also, ich flieg’ jetzt und such mir einen angemessen morschen Baum, wenn’s recht ist und zimmer mir eine Wohnhöhle, und wehe, du sägst den Baum mit der Höhle drin ab!»
«Ja, ich meine, nein», meinte ich und war froh, dass er offenbar auch was anderes zu tun hatte und wollte ihm noch sagen, er könne ja mal wieder vorbeikommen und anklopfen … – aber da war er schon weg und es war wieder Ruhe im Wald, so dass ich ganz in Ruhe meine Kettensäge anwerfen konnte um den Wald in einen natürlichen Mischwald umzuwandeln und die Natur meiner Idee von Natur anzupassen.

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