Wen wollen wir eigentlich beeindrucken?

„People buy things they don’t need,
with money they don’t have,
to impress people they don’t like“
Clive Hamilton

Wir kaufen Sachen, um Leuten zu imponieren, die wir gar nicht besonders leiden können. Warum tun wir das und ist das wirklich so? Andere beeindrucken können hat tatsächlich einen evolutionären Vorteil. Verhaltensforscher beobachteten zum Beispiel einen halbstarken Schimpansen im Urwald, der einen leeren Benzinkanister gefunden hatte und gelernt, eindrucksvoll darauf herumzutrommeln. Kurz darauf hatte er so viel Aufmerksamkeit vom amtierenden Graurücken abgezogen, dass der an stressbedingtem Herzanfall starb und der Halbstarke zum Alpha-Männchen seines Clans aufsteigen und entsprechend Nachwuchs zeugen konnte. Trommeln gehört anscheinend nicht nur zum Handwerk sondern wird auch von der Evolution belohnt. (Was nicht heißt, dass es dem einzelnen dient. Die Alpha-Männchen sterben, nicht nur in diesem Beispiel, wegen Dauerstress deutlich früher als die wesentlich relaxteren Unterlegenen im Kampf um die Führungsposition.)

Ist es also wirklich so, dass wir immerzu die Joneses – unsere Nachbarn und Kollegen – beeindrucken wollen? Fragen wir die Werbestrategen, denn die kennen unser Herz und unsere tiefsten Wünsche ja schließlich ganz genau (sonst würden sie sofort vom Markt gefegt). Die Werbung sagt uns: »Impress yourself!« Was will sie uns verkaufen? Ein »City-SUV«, d.h. ein Auto, dass wie ein Geländewagen anmutet, aber für die Stadt konzipiert ist. Absurd? Wen wollen wir mit schwerem Blech, Trittbrettern und Allradantrieb in der Stadt beeindrucken? Laut der Werbung: uns selbst. Wollen wir uns selber etwas vormachen? Unser Leben in eine Illusion verwandeln, die wir selber vor uns selber inszenieren? Vielleicht. Vielleicht muss man sich die »Verblendung«, die »Illusion«, von der die buddhistische Lehre als der Ursache unnötigen Leidens spricht, nicht als etwas schicksalhaft über uns Gekommenes vorstellen, sondern als etwas, das wir uns selber zurechtgemacht haben und immer noch ständig zurechtmachen? Haben wir es also, bei unserem Dasein im Konsum-Modus, mit – wenigstens – zwei Sub-Modi zu tun: Mit dem Keep-up-with-the-Joneses Modus und dem Impress-yourself Modus?

In dem Moment, in dem ich mich auf den Vergleichs- und Wettbewerbsmodus einlasse, bin ich jedenfalls in der „Nie-genug-Falle“ – da ich mir ja immer vergegenwärtig muss, dass mein Nachbar oder mein Konkurrent schon mit Vorbereitungen beschäftigt sein könnte, mich zu übertrumpfen. Also muss ich mich anstrengen, dem zuvorkommen. Was mein Nachbar bzw. Konkurrent natürlich auch ahnt und deswegen dasjenige unternimmt, was meine Anstrengungen rechtfertigt.

Dieser Mechanismus funktioniert genausogut als Antrieb für den Wachstumszwang des Konsumismus wie er für das Wettrüsten auf globaler Ebene funktioniert.

Was aber wäre die Alternative zum Vergleichsmodus? Und warum ist dieser Modus überhaupt aktiviert worden? Und sollten nicht erwachsene, der Selbstkritik fähige Menschen in der Lage sein, sich über solche Mechanismen zu erheben – auch wenn sie unseren äffischen Vorfahren zur Verbreitung der Gene der am besten Trommelnden verholfen haben?

Muho, der deutsche Abt des Antaiji-Klosters, unterscheidet zwischen Erwachsenen-Praxis und Kindergarten-Praxis. Erwachsenen-Praxis findet dann statt, so Muho, wenn der Praktizierende bereit ist, sich selber den Hintern zu wischen: »To find real adult satisfaction, we do not need more – we have to lose more, let go off ourselves.« Erwachsene, so Muho, unterscheiden sich dadurch von Kindergartenkindern, dass sie eine bewusste Entscheidung treffen, wie und womit sie praktizieren wollen. »To live by vows, to live as a responsible adult, and to live by karma as a big baby, are two completely different ways to live our lives. An adult „deliberately“ chooses to use this karmic human existence to live for the buddha way.«

Wir aber wünschen uns Schokolade und Wärme und City-SUVs und richten unser Leben auch, mehr oder weniger, nach diesen Wünschen ein. Und gleichzeitig wissen wir „irgendwie“, was Wahrheit ist und was Mitgefühl ist und können uns, mehr oder weniger, auch danach richten. Die Frage dabei ist, welche Wahl wir – als bewusste, erwachsene Menschen treffen …

Wann aber verändern wir uns?

Aus den Naturwissenschaften ist ein – für Laien überraschendes – Phänomen bekannt. Wie setzten sich neue, revolutionäre aber erklärungsmächtige Theorien durch? Dadurch, dass die Vertreter dieser Theorien mittels entsprechender Experimente Bestätigung finden und dann den Rest der Fachleute von diesen neuen Erkenntnissen überzeugt wird? Könnte man meinen. Tatsächlich ist es aber fast immer so, dass eine wirklich neue revolutionäre Theorie sich dann durchgesetzt hat, wenn die Vertreter der alten Theorien pensioniert oder gestorben sind. Fortschritt in den Naturwissenschaften durch Generationenwechsel? Sollte die Aufklärung nicht andere Formen der Erneuerung eingeführt haben? Offensichtlich nicht. Jedenfalls oftmals nicht. Manchmal setzt also erst eine Generation später die Anwendung einer längst anerkannten Theorie in der Praxis ein.

Der Oldenburger Volkswirt Niko Paech lebt so, wie ein Zen-Buddhismus Praktizierender »eigentlich«, aufgrund seines Gelübtes, völlig selbstverständlich und ohne Aufhebens leben müsste: Da wir wissen – wir können es wissen, wenn wir es wissen wollen – wie die Bestandteile unserer Smartphones, zum Beispiel das Koltan im Kongo, gewonnen werden, verzichten wir, unserem Bodhisattva-Gelöbnis folgend, völlig selbstverständlich auf ein Handy. Oder schaffen uns zumindest ein Fairphone 2 an und reparieren es – Anleitungen sind im Netz – selber oder lassen es vom Nachbarn reparieren, der das kann und machen dafür für ihn zum Beispiel die Steuererklärung, was er nicht kann aber wir. Wir verzichten auf Flugreisen, da wir wissen – wir könnten es wissen, wenn wir es wissen wollten – dass Flugreisen das schlimmste sind, was wir den Lebensgrundlagen der uns nachfolgenden Generationen antun können ohne dafür juristisch belangt zu werden. Und wir verzichten auf Neuanschaffungen jeder Art, wenn die Altgeräte und Altgebäude durch geschickte Reparatur – vielleicht im von uns gegründeten Repair-Cafè nebenan? – wieder brauchbar gemacht werden können. Ist das alles nun Askese? D.h. Verzicht auf Lebensqualität? Wenn wir weniger häufig neue Konsumartikel kaufen und dafür mehr und befriedigenderen Kontakt mit Nachbarn und Gleichgesinnten haben? Der Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa meint, aufgrund seiner aktuellen Forschungen: Wer solcherart Entscheidungen trifft, gewinnt. Zum Beispiel: »Quality-Time«, wie die Werbestrategen gelernt haben, es zu nennen. Und Souveränität gegenüber den sogenannten »Sachzwängen« des Marktes, wenn etwa Konsumgüter in Nachbarschaft stiftender Atmosphäre gemütlich im Repair-cafè wiederhergestellt werden. Und beim Chorsingen und beim gemeinsamen Jazz-Jamming und beim Poetry-Slam wird überhaupt kein Konsumgut konsumiert aber es entsteht eine Menge Gemeinschafts-Erlebnis und reichlich Fun.

Erwachsenen-Praxis, wie der Abt Muho es nennt, erfordert gelegentlich Askese im klassischen Sinn – wenn wir zum Beispiel ein Siebentage-Sesshin durchhalten, obwohl sich alles in uns dagegen sträubt. Aber die innere Freiheit, die uns eine solche Praxis – hoffentlich – beschert, kann uns dann die Gelassenheit geben, im alltäglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die dann eben keiner Askese mehr bedürfen, sondern zu mehr »Quality-Time« und einem erfüllteren und auch noch souveräneren Leben führen.

Was wie Askese aussieht, ist somit vielleicht nur eine Revision unserer Wünsche und Begehren. Und die Belohnung dieser Anstrengung – die es vorher zu sein scheint – ist dann eine Befreiung von »Wünschen«, von denen wir dann lernen, dass es gar nicht unsere eigenen wirklichen Wünsche waren. Das ist es vielleicht, was die buddhistisch verstandene »Befreiung« heute für uns eben auch bedeuten kann: Befreiung vom ewigen Unerfülltheitsgefühl im Konsummodus. Befreiung für ein souveränes, erwachsenes, erfülltes Leben. Askese, im Sinne von Training … – ja, zeitweise. Aber keine, doch nur wieder indirekt selbstbezogene, Pseudo-Askese. Erinnern wir uns noch an den Captain der Enterprise, James T. Kirk, der im Kino aus dem Off fragte, »was wir eigentlich erreichen wollten«? Und dessen Schiffsanalytiker ihm erklärte, dass er bisher immer nur versuchte, wie sein Papa zu werden, aber jetzt anfangen würde, sich zu fragen, wie es wäre, er selber zu sein. Und wir? Wir wollten, bisher, immer nur so werden, wie die Werbung uns sagte, dass wir glücklich werden könnten. Aber jetzt, jetzt können wir – mit der Hilfe von ein wenig Askese im Sinne von Training – anfangen, uns zu fragen, wie es wäre, wir selber zu sein.


Literatur:

Georg Picht. Das richtige Maß finden: der Weg des Menschen ins 21. Jahrhundert. Hrsg. von Carl Friedrich von Weizsäcker und Constanze Eisenbart. Herder, 2001
Niko Paech. Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom verlag München, 2012
David Loy. Erleuchtung, Evolution, Ethik. edition steinrich, 2015

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