Zen-Training und „psychologische Barrieren“

„Sich etwas zu versagen ist bei weitem die schlimmste Form des Sichgehenlassens;
es zwingt uns zu glauben wir täten große Dinge,
während wir in Wirklichkeit auf uns selbst fixiert sind.“
Carlos Castaneda

Während seines ersten Jahres im Daitokuji überlegte sich Gary Snyder eine Reihe von Verbesserungen, die er für die Effizienssteigerung und die Beschleunigung des Arbeitsablaufes des Klosters in Küche und Garten für angebracht hielt. Schließlich sprach er mit dem Jikkijitsu, also dem verantwortlichen Mönch, über seine Vorschläge. Er wurde zunächst auch angehört und die Reihe seiner Vorschläge wurde höflich zur Kenntnis genommen. Aber dann nahm ihn einer der Senior-Mönche beiseite und klärte ihn schließlich auf: Wir wollen die Dinge hier, so erklärte er dem begriffsstutzigen und allzu eifrigen Westler, gar nicht schneller oder besser machen, weil es darum gar nicht geht. Es geht nicht um Effektivität. Es geht darum, daß du dein Leben vollständig lebst ( … live the whole live).

Es ist eben nicht alles ein bloßes Mittel zum Zweck, so begriff Snyder schließlich, sondern es ist: EINE Meditation (it is all one meditation). Das Entscheidende liegt darin, die Dinge VOLLSTÄNDIG zu tun, im vollen Gewahr-werden dessen, was man tut. Vielleicht noch darin, die richtige Balance zu finden; aber gewiss nicht darin, eine Methode zu finden, wie man hier oder da Zeit spart oder eine Ablauf »Effektiv« gestaltet.

Und Snyder zog für sich die Bilanz: „Wenn das, was die Hindus, die Buddhisten, die Shoshonen, die Hopi und die (Ur-) Christen für sich annehmen und uns empfehlen, wahr ist, dann ist die ganze industrielle Zivilisation auf der falschen Spur, weil ihr Antrieb und ihre Energie rein mechanisch und selbstverherrlichend ausgerichtet ist. Wirkliche Werte finden sich woanders. Die wirklichen Werte sind in der Natur, in der Familie, im Geist (mind) und in der Befreiung. Das schließt die Möglichkeiten für ein Leben in gegenseitiger Harmonie und in Verbundenheit und Einfachheit ein. Das ist ‚Der Weg‘. ‚Rechte Praxis‘ besteht dann aus den kleinen Entscheidungen des Alltags. Und auch aus den Entscheidungen, die auf nationaler Ebene gefällt werden und die danach fragen: Was ist der Preis, den wir in Form von verbrauchter natürlicher Umwelt und verletztem gesundem Menschenverstand bezahlen, wenn wir verbissen nach MEHR streben, nach mehr Komfort und nach mehr Vergnügen und danach, mehr Zeit zu sparen?“(1)

Gary Snyder und Philip Whalen. Shimoyama, Japan

Snyder spricht hier vom ’spiritual price‘, einem Wert, den er in Zeit für das eigene Zuhause, in Zeit für die Familie und für Meditation sieht. Auch dieser Gedanke ist inzwischen schon vom Mainstream absorbiert worden und das Marketing spricht heute von »Quality-time« und sucht nach Methoden, den Zugang dazu zu vermarkten. Und manche Manager zelebrieren einmal im Monat bei sich Zuhause ein Abendmahl im Slow-Food-Style und schaffen sich dafür erst einmal die repräsentative neue Küche mit beleuchteten Fußleisten an, die so »clean« designt ist, dass sie an ein Reinraumlabor bei Monsanto erinnert. Aber drei Jahre später sind die Neon-Fußleisten schon wieder mega-out und für die Slow-Food-Einladung muss eine neue Küche her, diesmal im Used-Wood Style mit zentnerschweren Hackbrettern aus neuseeländischem Treibholz auf military-grade Rollen.

Snyder wurde seinerzeit einmal vom damaligem (und jetzigem!) Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown, gefragt: Du kämpfst andauernd gegen den Strom, schwimmst andauernd gegen die Strömung, ist das nicht furchtbar anstrengend? Worauf Snyder meinte: Ich wehre mich nur gegen einen vorübergehenden Strudel innerhalb des Stromes. Mit dem Großen Strom bin ich vollkommen im Einklang. Der »kleine Strudel« am Rande des Großen Stroms, von dem Snyder als dem Übel sprach, gegen das er ankämpfen würde, das ist unsere gesamte Industriegesellschaft und der Konsumismus. Wenn wir über den „Großen Strom“, das „Große Leben“, das „Dharma“ sprechen, dann sprechen wir über die Dinge im größeren Bild, sagt Snyder. In unmittelbarer Nähe zur Erde leben, einfach leben, verantwortlich leben – das alles enstpricht dem „Großen Strom“. Und Snyder sieht uns, über kurz oder lang, zu dieser Art des Lebens zurückkehren, ob wir es nun mögen oder nicht, so oder so …

Wenn ich mich hinsetze und meditiere, dann kann es sein, daß ich, mit Glück und guter Anleitung, in einen inneren „Prozess“ komme, es kann sein, (muß aber nicht) daß ich, oder andere über mich, nach einer Woche oder nach zehn Jahren Meditation sagen: Ja, während dieser Zeit bin ich, ist er, durch etwas durchgegangen, irgendetwas hat sich irgendwie verändert. Aber ich habe eben gerade nicht aussagbares Wissen gewonnen, gerade nicht verwendbare Informationen erhalten, nicht Dinge in einem größeren Bild in einen Zusammenhang bringen können. Um das zu tun, um verwendbares Wissen und brauchbare Informationen zu erhalten, um Zusammenhänge zu erkennen, brauche ich die Interaktion mit Menschen und mit Sachen in Raum und Zeit, brauche ich Energie und Material.

Und möglicherweise kann der Prozess, der während einer Phase der Meditation in einem Menschen vor sich geht, ob diese Phase nun eine Woche dauert oder dreißig Jahre, – vielleicht – dazu beitragen, daß er Informationen, die ihm helfen, in Harmonie und im Einklang mit dem „Größerem Bild“ zu leben, wirklich aufzunehmen und in seinem Leben umzusetzen. Und dann kann es sich zeigen, daß diese Informationen immer schon vorlagen und greifbar waren, aber irgendwie nicht akzeptabel erschienen.

Wer aber nur im Vergleichs- und Konkurrenzmodus zu leben gewohnt ist – oder auch im Sicherheitsmodus – tut sich natürlich äußerst schwer, unangenehme Tatsachen als Tatsachen anzuerkennen. Und zum Beispiel zu akzeptieren, daß eine der wesentlichen Grundlagen für ein solches Leben, nämlich billige Energie in Form von Kohle, Öl und Erdgas, nicht mehr in beliebig zu steigernden Quantitäten verfügbar ist. Um in einem solchen Fall überhaupt in der Lage zu sein, Informationen aufnehmen zu können, braucht es wohl tiefgehende persönliche Prozesse, die eben möglicherweise auch durch eine profunde Schulung in Meditation in Gang zu setzen sind.

Unser ganzes Leben und Streben nach »Mehr«, nach Schneller, Besser, Schöner, Größer und so weiter beruht auf Produktions- und Konsumtionssteigerungen und direkt und indirekt auf billiger Energie. (Die Versuche, diese Steigerungen vom Energiebedarf und von den Emissionen zu entkoppeln, greifen bisher nicht in dem Maße, in dem das nötig wäre.)

Wir wissen, dass dieses ganze Konstrukt nicht funktionieren kann, aber wir stellen noch nicht einmal uns selber, geschweige denn denjenigen, die sich für Verantwortlich erklärt haben, die Frage, was denn eine wirkliche machbare Alternative sein könnte. Warum aber wenden wir unser Wissen nicht an?

Den Fachleuten in Japan war schon immer völlig klar, dass die Reaktoren in Fukushima nur gegen Erdbeben bis zur Stärke sieben und die sie begleitenden Tsunamis gesichert waren: Die Betreiberfirma Tepco wusste, dass bei einem großen Tsunami alle Kühlmechanismen ausfallen würden. Warum hat niemand in der Firma gefragt, was passieren würde, wenn ein Tsunami der Stärke acht kommen würde? Ganz einfach: Solche Fragen stellt man seinen Vorgesetzten in Japan nicht. Das bestätigen auch IAEA-Experten: »Die viel gerühmte Sicherheitskultur der Japaner hat eine Grenze, und das ist die Hierarchie.«(3)

Die Japaner haben »ihre Grenze«, bei ihnen ist es die Hierarchie. Wir haben auch eine Grenze, bei uns ist es eine »psychologische Barriere«. Das stellt eine Bundeswehrstudie zum Thema Peak Oil fest und spricht in ihrem Fazit von einer »psychologischen Barriere«, die »für das Ausblenden an sich unbestreitbarer Fakten und zu fast instinktiver Ablehnung einer eingehenden Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Thematik«(2) führt.

Mit viel Geduld und etwas Glück kann ein meditatives Training, das uns dabei hilft unser Leben vollständig zu leben ( … live the whole live), uns dahin bringen, dass solche Grenzen und solche „psychologischen Barrieren“ für uns einfach wegfallen …


(1) Gary Snyder, William Scott McLean. The real work: Interviews & Talks, 1964-1979. p. 109f.

(2) Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert. Umweltdimensionen von Sicherheit. Teilstudie 1. Peak Oil. Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen. Zentrum für Transformation der Bundeswehr. Dezernat Zukunftsanalyse.

(3) Nach einem Artikel auf ZEIT-Online:   http://www.zeit.de/2011/12/DOS-Atomkatastrophe

(X) Carlos Castaneda. Eine andere Wirklichkeit – Neue Gespräche mit Don Juan, Frankfurt a. M. 1975, S. 125

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