Die Firewall und das Nichtwissen

 
Wenn wir uns auf die Suche nach … – was auch immer – machen, dann setzen wir voraus, dass da, im »Inneren« oder in irgendeiner Form von »Jenseits«, etwas verborgen ist, was es dann eben von uns zu suchen bzw. zu erlangen gilt. Warum können wir aber nicht sehen, bzw. nicht sagen, was jenseits des Diesseits ist? Immerhin sprechen wir in den Traditionen, die dem Advaita-Vedante nahe stehen, von der zugrundeliegenden »Einheit« oder mindestens der »Nicht-Zweiheit«. Warum gibt es – innerhalb der »Nicht-Zweiheit« – überhaupt so etwas wie einen Horizont im mentalen, spirituellen Bereich? Warum gibt es die Schranke zwischen Alltagswelt und -mentalität und der »inneren« Welt und demjenigen, was in der »Suche« gesucht wird?

Wie lässt sich diese Firewall1 erklären?

  • Wir selber wollen ES, die ganze Wahrheit, nicht wirklich wissen, weil dieses Wissen unsere Kreise stören, unseren Interessen zuwiderlaufen, uns verstören, uns vielleicht sogar zutiefst irritieren würde.

  • Wir haben einfach keine sprachlichen oder sonstigen symbolischen Repräsentationsmöglichkeiten für etwas, was jenseits der Alltagswelt und -erfahrung liegt. Die Firewall ist im Wesentlichen eine Sprachbarriere.

  • Die »Innere Welt«, bzw. »das Jenseits«, ist komplex und kompliziert und übersteigt unsere intellektuellen und intuitiven Fähigkeiten bei weitem. Ähnlich, wie die Kompositions-Schemata von Bachscher Musik oder die mathematischen Grundlagen der Allgemeinen Relativitätstheorie für die meisten von uns »über unseren Horizont« gehen.

  • …?

Wie kann sich ein so großer Ochse in einer so kleinen Welt verstecken?

Was ist, wenn wir – umständehalber – aber dann doch mit diesen Bereichen, die üblicherweise weit außerhalb des Alltagswelt-Horizontes liegen, konfrontiert werden. In den Berichten der Menschen mit Nahtoderfahrungen zum Beispiel kommen häufig »life-reviews« vor, also eine Art Innenwelt-Powerpoint-Vortrag mit den entscheidenen Momenten des eigenen Lebens und vor allem mit den entscheidenden Entscheidungen … In dieser Lebensrückschau lernen die Nahtoderlebnis-Erfahrenden, so berichten sie oft, dass Alles mit Allem verbunden ist. Die goldene Regel ist, wie sie »dort« lernen, keine aufgesetzte moralinsaure Forderung von außen, sondern einfach eine Beschreibung dessen, wie die Dinge nun einmal sind. Was wir den anderen antun, fällt über kurz oder lang auf uns selbst zurück und wir erleiden es – oder erfreuen uns dessen – in der Folge selber. Warum müssen wir das aber auf diese harte und schmerzhafte Art und Weise lernen? Man denke nur einmal an all die Kindheitstraumata, von denen immer mehr auftauchen, je mehr das Thema im Mainstream salonfähig wird? Warum werden uns diese Zusammenhänge erst dann gezeigt, wenn es zu spät ist und wir unsere Entscheidungen gemacht haben und unser Leben schon beinahe hinter uns haben? Warum werden uns diese Informationen – anscheinend willkürlich – vorenthalten?

Wenn man an dieser Stelle keine Böswilligkeit von höchster Stelle voraussetzen möchte, bleiben nicht viele Erklärungsmöglichkeiten: Vielleicht, so versucht man es sich zu erklären, ist das so, weil es anders nicht geht? Aber warum sollte das aber nicht anders gehen? Ein Systemfehler? Wenn man auch das nicht akzeptieren mag, dann bleiben nur noch andere, auch nicht weniger erschreckende Erklärungen: Zum Beispiel: Es hat vor uns, die wir uns dieser Zusammenhänge und Dinge bewusst werden, nicht unbedingt jemanden gegeben, der das so, auf diese Weise, schon wusste. Wir sind möglicherweise – welche Option bleibt uns sonst, diesen Effekt zu erklären? – die ersten, die dieses Wissen erschaffen. Ein allwissender Gott oder eine Buddhanatur oder eine andere Instanz, die uns auf eine Reise schickt, bei der wir nur auf die harte Tour lernen können, wo die Abgründe und Fallgruben auf dem Weg liegen, die »ER« oder die diese Instanz, schon kennt, diese Information uns aber willkürlich vorenthält, wäre wohl nur als grausam, wenn nicht als masochistisch zu bezeichnen.

Wie ist es aber nach der Erleuchtung? Ist dann die Firewall gehackt, ist dann alles relevante Wissen für uns zugänglich?

Wenn etwa, um ein Beispiel durchzuspielen, ein Physiker, Philosoph und Friedensforscher nach Indien reist und am Grab von Sri Ramana Maharshi ein spirituelles Erlebnis hat, das man wohl als »Erleuchtung« bezeichnen kann2, wenn man diesen Begriff denn überhaupt verwenden will, kann dann solch ein Mensch noch Fehler machen und Irrtümern erliegen? Schließlich hat er ja, wenn auch nur für einen kurzen Moment – wenn es auch dort, in diesem Erlebnis ja, laut Augenzeugenberichten, keine Zeit gibt – dasjenige berührt, von dem die vedische Tradition als Sat-chit-ananda spricht, was üblicherweise mit dem Brahman identifiziert wird und was wir laienhaft schlicht als Gott, oder vielleicht, mit Meister Eckhart, als »Gottheit« bezeichnen würden. Nun war Weizsäcker weiter politisch wirksam, auch wenn er es ablehnte, sich als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl zur Verfügung zu stellen (das machte dann sein Bruder) und im Rahmen seiner politischen Äußerungen vertrat er zum Beispiel auch die Ansicht, dass die Sowjetunion so stabil, so »inert« sei, dass man ihren Bestand einfach vorauszusetzen haben. Noch 1986 gab er seiner Meinung Ausdruck, dass er einen großen Krieg – zwischen den Großmächten, also unter Beteiligung der Sowjetunion – für wahrscheinlich halte3. Wenige Jahre später implodierte eine der beiden von ihm als stabil vorausgesetzten Großmächte. Hätte der Fachmann auf dem Gebiet der Friedensforschung, der auch eine – wir nehmen an, genuine – Begegnung mit dem Sat-chit-ananda hatte, das nicht voraussehen müssen? Sitzt denn DAS HÖCHSTE – um den Begriff »Gott« zu vermeiden – so eifersüchtig auf seinen Informationen, dass jemandem, der damit in intimem Kontakt war, diese für ihn wichtige Information nicht zugänglich gemacht wurde? Kurz: Wie kann sich jemand, der »erleuchtet« ist, so irren?

Wenn wir »Gott« sagen – oder die entsprechenden Korrelate benutzen: Brahman, Buddha-Natur, Ursprüngliche Natur, »Source«, was auch immer … – und solche Fragen stellen, dann setzen wir offenbar eine geistig hochstehende Instanz voraus. Der Analytiker Jacques Lacan würde sagen, wir postulieren den Großen Anderen, »the Big Other«. Und wir gehen dann irgendwie, wenn nicht von Allmacht, so doch von einer Art von All-Informiertheit aus. Ein großer Teil der New-Age Bewegung beruht ja auch auf dem Ansatz, Zugänge zu einem irgendwo »oben« vorausgesetzten Wissen zu bekommen. Viele New-Age Coaches werben damit, lehren zu können, wie man dieses »Wissen« anzapfen kann, um das eigene Leben schöner und erfolgreicher zu machen. Die Verbreitung der Idee, dass dieses Wissen möglicherweise »dort drüben« oder »da oben« gar nicht vorrätig ist, würde heute ganze Wirtschaftszweige lahmlegen. Die Hoffnung auf Zugang zu diesem Wissen ist also inzwischen ein Geschäft. Und mit der Hoffnung auf »Erleuchtung« sind wohl auch immer die Hoffnungen auf Gewissheiten verbunden. Sich dagegen eine Gottheit, einen Brahman oder eine Ursprüngliche (Buddha-) Natur so großmäulig, ignorant und kommunikationsunwillig vorzustellen, wie sie zum Beispiel im Buch Hiob sehr eindringlich dargestellt wird … – allein der Gedanke lässt den nach Antworten Suchenden in spirituellen Angstschweiß ausbrechen.


1Eine Firewall ist ein Sicherungssystem, das ein Rechnernetz oder einen einzelnen Computer vor unerwünschten Netzwerkzugriffen schützt.

2Im Jahr 1969 reiste Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) durch Indien und hatte im Ashram von Sri Ramana Maharshi in Tiruvannamalai ein spirituelles Erlebnis, in dem „alle Fragen beantwortet waren“ und dessen Substanz nach eigenen Worten immer bei ihm war. Bericht in: Carl Friedrich von Weizsäcker. Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie (1977); darin „Selbstdarstellung“, S. 594ff.

3»Der Ausbruch eines Dritten Weltkrieges aber ist unter den heutigen politischen und technischen Bedingungen möglich, ja wahrscheinlich.« Aus einem Vortrag des Jahres 1986. In: C. F. v. Weizsäcker. Bewußtseinswandel. Hanser, München 1988. S. 104

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