Spurlosigkeit und die Wertschätzung des Natürlichen

Aus Sôekis Anleitung für den Gastgeber der Teezeremonie:

„Bei Einladungen an Schneetagen sollte man sorgsam versuchen, Fußspuren im Schnee so weit wie möglich zu vermeiden. Man schmilzt mit Wasser vorsichtig nur den Schnee von den Trittsteinen ab. Es geht nicht an, das Wasserbecken (Tsukubai) nicht frisch zu füllen, aber lass es gerade eben sichtbar werden, indem du es mit Wasser vorsichtig frei legst. Aber wenn der Schneefall auf dem Steinbecken oder den Bäumen darüber ein anrührendes Bild geformt hat, sollte man alles völlig unverändert lassen. Stattdessen stellt man für die Reinigung eine Wasserkanne (kataguchi) zur Wartebank.“

Die unberührte Natur, in diesem Beispiel der frisch gefallene Schnee, ist der japanischen Ästhetik das höchste der Gefühle, das wahre, unübertreffbare Kunstwerk. Wenn das so ist, warum sind dann aber die Bauern und die Holzfäller, die Winters dauernd mit frisch gefallenem Schnee zu tun haben, nicht allesamt Kunstliebhaber?

Der Nachbar meiner Muttter, gelernter Maurer und Erbe eines kleinen Resthofes, verpachtet seinen Acker, den er nicht selber bewirtschaftet, ausdrücklich nicht an den lokalen Spargelbaron, obwohl der mit Abstand die höchste Pacht bezahlen würde. Warum nicht? »Der macht den Boden kaputt«, sagt der Nachbar meiner Mutter. Der Spargelbaron laugt mit seinen auf höchsten Ertrag abzielenden Anbaumethoden den Boden aus, bis der biologisch tot ist. Die genauen mineralogisch-biologischen Zusammenhänge dieser Bodendegradation könnte der Nachbar wahrscheinlich nicht erklären, aber er hat ein Gefühl dafür, dass das nicht in Ordnung ist und ist bereit, aufgrund dieses Gefühls, einen Minderertrag bei der Pacht in Kauf zu nehmen. Er hat eben doch – wenn auch unreflektiert – eine Wertschätzung für »die Natur« …

Dieser Maurer hat ein Gespür dafür, was heute Volkswirte unter dem abstrakten Begriff ‚Ökologie‘ berechenbar und bewertbar machen möchten um es, z.B. in Form von CO2-Emissionenskontingenten im globalen Markt verwertbar handeln zu können. Denn was nicht bewertbar und nicht handelbar ist, wird in der Welt, in der wir nun einmal leben, nicht wertgeschätzt. Zwar erkennen wir die Ökologie, als die »Erkenntnis der immanenten Maße der Natur«1 (Georg Picht) als »wichtig« an und sagen das auch, wenn wir etwa beim Shopping in der Fußgängerzone von den Mitarbeitern der Umfrageinstitute danach befragt werden. Und dann setzen wir unsere Suche nach Schnäppchen bei KiK und im Media-Markt fort und schauen noch im Reisebüro rein, ob dort vielleicht ein Lastminute-Angebot zu haben ist, für einen Kurztrip mit dem Billigflieger nach La Palma.

Die rationale Erkenntnis von etwas was »wichtig« ist, bringt uns ebensowenig zum realen Handeln – oder auch Nicht-Handeln – wie die Einsicht des Mystikers Eckhart Tolle in die Einheit aller Dinge und Wesen.


1 Georg Picht. Das richtige Maß finden : der Weg des Menschen ins 21. Jahrhundert.

Hrsg. von Carl Friedrich von Weizsäcker und Constanze Eisenbart. Herder 2001, S.14


Literatur: 

Sôeki. Aus dem Nambôroku. Aufzeichnungen des Mönches Nambô. Kissa Nampôroku. 
Aufzeichnungen über das Teetrinken aus dem Süden.
 Zit. n.:   http://www.teeweg.de/de/literatur/nambo/

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