Wachheit, Erwachen und Erleuchtung

»Was uns nottut, ist, zu erkennen,
dass diese Welt ganz anders ist als
unsere üblichen Annahmen über sie und uns ist.«
David Loy

Im Buddhismus – speziell im Zen – sprechen wir eher von „Erwachen“ als von „Erleuchtung“. »Erleuchtung« als Lichtmetapher ist eher mit der mystisch-spirituellen Tradition des Westens verbunden. Im Taoismus, im alten Hinduismus und in vielen schamanischen Traditionen wird eher dem Dunklen und Verborgenen eine heilsame Qualität und die Nähe zum Ursprünglichen zugeordnet als dem allzu Lichten.

Das Ziel des buddhistischen Weges, der in einer sehr heißen und trockenen Gegend entstand, wurde denn auch als »nirvana« bezeichnet, was ein »Verlöschen« oder »Verwehen« anklingen lässt. Hinter dieser Wahl eines zentralen Begriffs steht wohl die Erfahrung, dass die Welt, dass »das Leben«, oft als zu hitzig, zu heiß oder zu stürmisch empfunden wird. In unserer nördlicheren Gegend der Welt assoziieren wir dagegen das zutiefst Erwünschte eher mit Licht und Wärme. Die Phase, in der die geistigen Errungenschaften der modernen Welt entwickelt wurden, in deren »Mindset« wir im Moment leben, benennen wir demgemäß mit einer Lichtmetapher als die »Aufklärung«.
Neutraler könnte man das Ziel des Buddhismus mit der Metapher des »Erwachens« beschrieben. Der Begriff »Buddha« bedeutet ursprünglich so etwas, wie »der Erwachte«. Wenn wir aber von »Erwachen« sprechen, wissen wir dann, was wir meinen? Wir kennen ja sehr verschiedene Modi des Wachseins

  • Instinktwachheit – die Wachheit eines Tiers in der Wildnis, die darauf zielt, alle Nahrungsquellen und alle Gefahrenherde möglichst rechtzeitig sinnlich zu erfassen

  • Reaktive Wachheit – wohl jeder Intellektuelle legt Wert darauf, als »wach« zu gelten, in dem Sinne, dass er schnell und geistreich auf die Ansprache – auch eine mit versteckten Bedeutungen – durch einen anderen Teilnehmer der akademischen Welt reagieren kann

  • Offene Rezeptivität – eine Empfänglichkeit für beliebige Reize, die nicht durch vorgegebene Muster oder Filter eingeschränkt wird

  • Lucides Träumen – Gelegentlich haben wir im Traum die Idee, dass wir träumen … (Castaneda schrieb seinerzeit Anleitungen, wie man diese Fähigkeit ausbauen kann.)

  • Konzentrierte Propriozeption – das speziell im Vipassana praktizierte aktiv gesteuerte Gewahrsein der eigenen Körperzustände und -empfindungen

  • Konzentriertes Denken – im Sinne des Verrechnens von logischen Werten, also die mentale Buchhaltung

  • Staunen – Ein »weit-offen-Sein«, sinnlich und geistig, von dem es in der platonischen Tradition heißt, dass es der Einstieg in die Philosophie wäre (in diesem Sinne ist »Philosophie« keine akademische Fachwissenschaft, sonder ein spiritueller Weg)

  • Überraschtsein und Verblüffung, diese Momente, in denen wir schlagartig merken, dass wir komplett auf dem falschen Dampfer waren …

Entsprechend könnte man unterschiedliche Formen des Nicht-Wachseins aufzählen.

Wie aber können wir – im täglichen Leben, oder in unserem Lebens-Gesamtkonzept – von einem Modus in einen anderen wechseln? Wählen wir unseren Modus des Wachseins frei und souverän aus oder geschieht uns das? Und welche Ereignisse – außer einer erträumten »Erleuchtung« – können den Modus unseres »In-der-Welt-seins« dramatisch und dauerhaft verändern? – Für den Fall, dass wir das wollten …

In den Studien zum Thema Nahtoderfahrungen kommt unter dem Strich – grob vereinfacht – heraus, dass etwa jeder Fünfte, der einen Herzstillstand hat, eine sogenannte »Nahtoderfahrung« mitmacht. Von diesen Menschen verändern daraufhin mehr als die Hälfte ihren Charakter und ihre ganze Lebensführung dramatisch und dauerhaft. Das wird von den Beteiligten nicht immer nur als positiv empfunden. Es führt zum Beispiel auch dazu, dass viele dieser Menschen von ihren Ehepartnern verlassen werden, weil diese dann das Gefühl haben, nicht mehr mit dem Menschen zusammen zu leben, den sie geheiratet haben. Und: die erlebten Veränderungen sind komplex. Peter Riese zum Beispiel hatte nach seiner Nahtoderfahrung zunächst einmal keine Angst mehr vor dem Tod, aber als dann seine kleine Tochter zum ersten Mal Papa zu ihm sagte, bekam er Angst, dass er das nicht häufig genug würde hören können1. Seine Angst war also wieder da, und damit auch, wie er sagt, seine Lebensfreude. Es ist also nicht so einfach mit den Veränderungen der inneren Haltung, die nach einem so dramatischen Erlebnis, wie einer Nahtoderfahrung, eintreten. Allein das Beispiel von Peter Riese kann uns darauf hinweisen, dass Aussagen von Menschen mit dramatischen inneren Erlebnissen, seien es nun Nahtoderfahrungen oder genuine mystische Erfahrungen, zwar subjektiv als wahr empfunden werden – soweit es subjektive Wahrheit eben geben kann – aber sich in der Folge doch als lebensfremd erweisen können. Und zwar in dem Sinne, dass sich diese, durchaus ernst gemeinten und in einem gewissen Sinne »echten«, Aussagen dann, im Alltag, wieder relativieren. Was wiederum nicht heißt, dass diese Erfahrungen und die darauf beruhenden Haltungen, Einstellungen und Aussagen hinfällig werden, nur: sie werden, im Kontext des gesamten Lebens, durch andere, komplementäre Haltungen und Aussagen ergänzt. Auch Erleuchtungserlebnisse können sich offenbar durchaus – auch, wenn sie genuin sind – als unvollständig in Bezug auf das vollständige Leben erweisen.

Peter Riese, hat zwar, nach seinem Nahtoderlebnis, keine Angst vor dem Tod, vor dem Sterben, aber er hat das Bedürfnis, sein Leben mit seiner Familie zu genießen. Es ist ihm beileibe nicht gleichgültig, ob er lebt oder stirbt. Und deswegen trainiert und läuft er zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen ausdauernd, obwohl ihm das Training nicht den geringsten Spaß macht.

Wenn wir einmal annehmen, dass einer der bekanntesten Vertreter des New Age, Eckhart Tolle, eine genuine Erleuchtungserfahrung hatte, und jetzt in seinen Büchern und vor großem Publikum darstellt, dass wir alle unser Leben ändern müssen, damit es, als Voraussetzung für die Weiterexistenz von Menschen in dieser Welt, eine »Neue Erde« geben kann, auf der die Menschen in Harmonie mit ihrer Umgebung – statt im unersättlichen Konsummodus – leben, dann heißt das eben noch lange nicht, dass er selber auf eine »harmonische« Art und Weise, wie er sie von »den Menschen« fordert – lebt. Statt dessen führt er ein ganz normales Leben, mit dem ganz normalen – völlig überzogenem – ökologischen Fußabdruck des Nordamerikaners oder Kanadiers, einschließlich Luxus-Zweitwagen und häufigen Flugreisen und allem, was dazugehört. Das Lebensgefühl des Erleuchteten mag subjektiv von dauerndem Frieden und von »Stille« (E. Tolle) geprägt sein, und die jeweilige Person das auch ausstrahlen, aber die Lebensweise, die Lebenspraxis, steht deswegen eben noch lange nicht im Einklang mit der Umgebung, sondern bleibt einfach die ganz normale, die eben in unserem Falle keine nachhaltige und mit der Weiterexistenz des Lebens auf diesem Planeten vereinbare ist.

Auch »moderne« Vertreter des Advaita-Vedanta betonen immer wieder dessen uralte zentrale Aussagen: »There has never been anything other than infinite consciousness, God’s being, knowing itself«, sagt zum Beispiel Rupert Spira, ein typischer Vertreter dieser Richtung des New-Age2. Das Gefühl der Glückseligkeit und die Wahrnehmung »Ich bin bewusst« (I am aware), so führt er aus, sind identisch, sie sind »God’s being, shining in the body-mind«. Der klassische Ausdruck in dieser Tradition dafür ist: Sat-chit-ananda, verkürzt übersetzt: Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit. Die »Erleuchtung« in diesem Sinne, ist dann »nur« das Herausfallen aus dem Body-Mind, wie R. Spira es ausdrückt. Damit ist das Verschwinden der hartnäckigen Illusion einer getrennten Daseinsform gemeint und die vollständige »gefühlte« Verschmelzung mit dem Urgrund. Alles andere, alles, was uns als »Welt« erscheint, ist in dieser Auffassung Illusion, göttliches Spiel, »lila«, und Täuschung, »maya«. Die zentrale Aussage des Advatia-Vedanta ist: »Even in my apparent ignorance there was always God’s infinite being shining. I have never been anything other than that. There is nothing other than that. All of this [diese Welt] is only that. […] God’s being … is prior to either finite or infinite. In fact we cannot even name it consciousness, because consciousness only means something in relationship to objects. But without the objects we cannot name that, which truly is, as anything. And then we fall silent …«. So Rupert Spira. Im Sinne dieses spirituellen Ansatzes kann dann der Sinn jeder religiösen (re-ligio, lat.: Rück-verbindung) Praxis nur die Rückkehr aus der Illusion in das Eine des Sat-chit-ananda sein. Mehr kann man nicht sagen, » … we fall silent«.

Die eine ganz große Frage aber, die sich uns unerleuchteten Westlern angesichts einer solchen spirituellen Grundanschauung (um den Begriff Glauben zu vermeiden) aufdrängt: »Wenn das so ist, warum und wozu dann die ganze Show? Wozu die Einzelseelen mit ihren illusionären Verblendungen und ihrer Irrtumsanfälligkeit und ihren Anstrengungen, zu etwas aufzusteigen, von dem sie ursprünglich schon immer ein Teil sind? Wozu der ganze Zauber (von den damit verbundenen Leiden ganz zu schweigen)? – Auf diese Art Fragen gibt diese Art von Glaube (um den Begriff jetzt doch zu verwenden) traditionell keine Antwort, die uns auch nur im Ansatz zufriedenstellen könnte. Der Buddhismus übrigens – als religionsphilosophischer Kollege des Advaita-Vedanta – übrigens genausowenig. Man könnte hier sozusagen die Bücher mit einem endgültigen non sequitur schließen, wenn da nicht Sri Aurobindo wäre. Der im Westen ausgebildete Sri Aurobindo nahm die Evolutionstheorie, die seinerzeit gerade im Westen von der intellektuellen Elite in deren Weltbild integriert wurde, schlichtweg in seine Religionsphilosophie auf und setzte den Gedanken der Entwicklung in den Mittelpunkt seiner Darstellung des Advaita-Vedanta. Ein ähnlich radikaler Schritt, wie dieser Schritt des vom Revolutionär zum Weisen und Guru gewordenen Sri Aurobindo, ist aus den Traditionen des Buddhismus nicht bekannt.

Wenn man klassisch ausgebildete buddhistische Lehrer sehr drängt und mit typischen »Westler-Fragen« quält, nach dem Muster: Was ist die erste Ursache des Leidens, wie fing das Karma überhaupt an, woher kommt die Maya, die Illusion des getrennten Selbst, ganz ursprünglich … – dann antwortet der tibetische Rinpoche mit einer Wiederholung der Lehre von der Anfanglosen Kette der zwölffachen Bedingtheit. Der Zen-Meister sagt: Sitzen! Sitzen! Sitzen! und schlägt mit dem Stock auf das Pult und der Theravada-Meditationstrainer weist auf die Wichtigkeit von Vipassana und Shamata hin. Wir bleiben dann etwas konsterniert zurück, garnicht einmal, weil wir keine Anworten bekommen, soviel haben wir ja garnicht erwartet, aber was uns wirklich alleine lässt – innerlich – ist die Verweigerung, die Frage als solche überhaupt als valide zur Kenntnis zu nehmen.

Dieses Gefühl des Alleingelassenwerdens mit offenen existentiellen Fragen könnte man nun als bloß persönliche und damit belanglose Marotte beiseiteschieben und abhaken, wenn da nicht das reale Verhalten in der realen Welt wäre, das eben auch diejenigen an den Tag legen, von denen wir annehmen müssen, dass sie genuine innere Erlebnisse gehabt haben. Die Lebenspraxis eines Eckhart Tolle, um den armen Mann schon wieder als Paradebeispiel vorzuführen, ist nicht besser im Einklang mit der Forderung nach einer »Neuen Erde« als die Lebenspraxis des durchschnittlichen, gänzlich unerleuchteten Nordamerikaners oder Europäers. Und auch von den anderen Vertretern des Advaita-Vedanta ist nicht bekannt, dass von ihnen – zum Beispiel – innovative Impulse zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks kommen oder Vorschläge, wie eine Wirtschaft ohne dauernden Wachstumszwang zu organisieren wäre.

Dramatische innere Einzel-Erlebnisse, seien es nun Nahtoderfahrungen oder auch genuine »geistige Durchbrüche« oder Erleuchtungserlebnisse, scheinen – an und für sich – zwar subjektiv lebensentscheidend wirken zu können, liefern deswegen aber offenbar noch lange keine Lösungsansätze für den Umgang mit realen Problemen in der äußeren Welt, auch nicht für eine »Harmonisierung« im Äußeren, was das ganz praktische Leben desjenigen angeht, der eine solche Erfahrung erreicht hat.

Die »Neue Erde«, um einen Ausdruck von Eckhart Tolle zu verwenden, braucht anscheinend noch etwas anderes, als die innere Begegnung mit »dem Einen«.


1Peter Riese in seinem Buch „Einmal sterben und zurück“. Im Interview für „Thanatos.tv“ erzählt er von seinem Erlebnis. Online: https://www.youtube.com/watch?v=_-lHq2DX1pM

2Rupert Spira. What is Enlightenment? Interview mit SANDS. scienceandnonduality  https://www.youtube.com/watch?v=rrulfc_ru7Y

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