Denkfehler und Lernerfolge – Kategorienfehler, Ideologie und Instrumentalisierung

Mit Denkfehlern kann man Gemeinschaften sprengen und die grausamsten Kriege zu einem spirituellen Akt erklären. Wenn wir unsere Kategorien, in denen wir denken und argumentieren, nicht auf die Reihe bekommen und zum Beispiel von einer Mannschaft genauso sprechen wie von einem Spieler oder von einem »Team« genauso, wie von einem einzelnen Team-Mitglied, dann folgen daraus die klassischen Konsequenzen eines Kategorienfehlers. In einer Gemeinschaft wird dann etwa gesagt: »Das ist Aufgabe des Teams«. Und dann wundert man sich, dass sich niemand um die Erledigung der Aufgabe kümmert. Das ist genauso, als wären alle Spieler einer Fußballmannschaft in ein Stadion eingezogen und man wartet und wartet, denn das Spiel kann ja noch nicht beginnen, da die Mannschaft noch nicht da ist. Denn wenn »Mannschaft« in die gleich Kategorie eingeordnet wird, wie »Spieler«, dann wartet man eben noch auf die Ankunft der Mannschaft, wenn schon alle Spieler da sind. Das Spiel wird auf diese Weise nie beginnen. Und manche Aufgaben werden in einer Gemeinschaft nie erledigt, weil man sie an »das Team« delegiert hat und dabei den Kategorienfehler begangen hat, sich »das Team« als zu der gleichen Kategorie wie die Teammitglieder gehörig vorzustellen. Das klingt jetzt vielleicht konstruiert und theoretisch, führt aber zu beobachtbaren weitreichenden Folgen in der Praxis.
Der Sinn des Buddhismus ist die Glücksoptimierung. Das könnte man jedenfalls denken, wenn man sich den Büchermarkt anschaut. Gibt man bei Amazon die beiden Begriffe »Glück« und »Buddhismus« in die Suchmaske ein, bekommt man 1200 Buchvorschläge. Allein im deutschsprachigen Bereich. Tendenz steigend.
Anscheinend geht es also beim Buddhismus um den Weg zum Glück. Was ist nun – zum Beispiel – mit Meister Rinzai, der seinerzeit darauf hinwies, dass es darum geht, den ‚Wahren Menschen ohne Rang und Namen‘ zu finden? Ist der ‚Wahre Mensch ohne Rang und Namen‘ ein dauerbeglückter Bewohner des Schlaraffenlands? Der Punkt ist: Wenn wir Meditation üben, um uns von ungesund gewordenen Konzepten und eingeschliffenen aber dysfunktionalen Reaktions- und Handlungsmustern zu befreien, dann mag das funktionieren, aber wir bleiben dabei in unserem vorgefundenen ideologischen Modell befangen. Nicht nur Meister Rinzai, auch zum Beispiel der Bhutanese Dzongsar Khyentse Rinpoche macht klar, dass wir uns in einem grundsätlichen Kategorienfehler bewegen: »… if you are only concerned about feeling good, you are far better off having a full-body massage or listening to some uplifting or life-affirming music than receiving dharma teachings, which were definitely not designed to cheer you up. On the contrary, the dharma was devised specifically to expose your failings and make you feel awful«.(1)
Worum aber, wenn nicht um den Erwerb des Glücks, geht es in der Lehre des Dharma?
Dzongsar Khyentse sagt es, oder deutet es jedenfalls an: Um Gewahrwerden. Es geht darum, uns zum Beispiel »aware of a failing« zu werden. Wenn wir aber vom ‚Zen im Alltag‘ sprechen, dann denken wir in aller Regel einen Kategorienfehler gleich mit: Denn das, was wir mit dem Kürzel »Alltag« bezeichnen, enthält einen ganzen Satz von Kategorien. Und diesen Kategorien ordnen wir dann das unter, was wir als »Zen« verstehen. Für traditionelle buddhistische Lehrer ist diese Kategorienverwechslung ein Unding. Patrul Rinpoche sagt es zum Beispiel so: »… there is no such thing as a person who has perfected both dharma practice and worldly life, and if we ever meet someone who appears to be good at both, the likelihood is that his or her skills are grounded in worldly values«.(2)
Wenn wir von ‚Zen im Alltag‘ sprechen, dann subsummieren wir »Zen« immer erst einmal – wir können zunächst ja auch gar nicht anders – unter die herrschenden Konzepte, Reaktions- Handlungs- und Bewertungsmuster des Alltags. Solche Muster in ihrer Gesamtheit, gerade auch dann, wenn wir ihnen folgen, ohne dass wir uns dessen bewusst werden müssen, kann man als Ideologie bezeichnen. Dieser Begriff beschränkt sich, so verstanden, nicht auf politische Einstellungen, sondern umfasst alle unsere (Grund-) Haltungen, Werte und Konzepte und vor allem auch in der Praxis eingefahrene, vor allem kollektive, Verhaltensweisen, von denen wir unseren Alltag bestimmen lassen. Wenn wir diese Ideologie – in diesem Sinne verstanden – aktiv beibehalten oder uns ihrer überhaupt gar nicht bewusst werden und dann so etwas wie Buddhismus oder Zen oder irgendeine andere spirituelle Praxis üben, dann üben wir diese Praxis zunächst einmal – automatisch und unbewusst instrumentalisiert – im Sinne der Ideologie des Alltags. Eine solche automatische Instrumentalisierung ist schwer zu vermeiden. Wie schwer, zeigen uns die von Brian Victoria dokumentierten Kategorienfehler der japanischen Buddhisten während der Kriege zu Beginn des letzten Jahrhunderts. So erklärte zum Beispiel damals Sōen Shaku (1860 – 1919), der erste Zen-Meister der in Amerika Vorträge hielt und dessen Dharma-Enkel, Sokei-an, das ‚First Zen Institute‘ gründete, den imperialistischen Krieg der Japaner in Russland und China als »not necessarily horrible, provided that it is fought for a just and honorable cause«. Die furchtbaren Kriege japanischer Nationalisten, einschließlich der von Japanern verübten Kriegsverbrechen, deren Unmenschlichkeit wir uns heute kaum mehr vorstellen können, wurden nicht nur von Sōen Shaku, sondern auch von anderen gelehrten buddhistischen Mönchen und Priestern – ganz im Sinne des damals üblichen japanischen Nationalismus – als von der buddhistischen Lehre gerechtfertigt erklärt. Wenn der gläubige Buddhist in den Krieg zieht, »for his country’s sake«, so meinte Sōen Shaku damals, »he may have to deprive his antagonist of the corporeal presence«, dann hätte er eben die Gegner von deren Körper zu befreien, »but let him not think there are atmans, conquering each other«, aber er solle nicht denken, es wäre ein ‚atman‘ der einen anderen ums Leben bringen würde. Die Logik ist also: Da es kein Ego, keine wirkliche Indivdualität gibt, laut der buddhistischen Lehre, gibt es niemanden, der einen anderen umbringen könne, geschweige denn, dass jemand getötet würde. Die zuschlagende Hand und das zielende Auge sind vielmehr nur Instrumente höherer Prinzipien: »The hand that is raised to strike and the eye that is fixed to take aim, do not belong to the individual, but are the instruments utilized by a principle higher than transient existence. Therefore, when fighting, fight with might and main, fight with your whole heart, forget your own self in the fight, and be free from all atman thought.«(3)
Krieg, so der Buddhist und Zen-Meister Sōen Shaku, ist nicht notwendigerweise schrecklich, wenn für eine noble und ehrenhafte Sache gekämpft wird: »war is not necessarily horrible, provided that it is fought for a just and honorable cause, that it is fought for the maintenance and realization of noble ideals […] from a broader point of view these sacrifices are so many phenixes consumed in the sacred fire of spirituality«(4)
Konkret spricht Sōen Shaku hier über den Japanisch-Russischen Krieg 1904-1905 in der Mandschurai und in Korea. Die Japaner griffen damals in einem Überraschungsschlag die Russische Flotte in Port Arthur (jetzt Lüshunkou, China) an. Im daraufhin folgenden Krieg wurden von beiden Seiten systematisch chinesische Dörfer geplündert und dem Erdboden gleichgemacht, nicht ohne vorher die Frauen zu vergewaltigen und alle Chinesen zu ermorden, die einfach nur im Wege waren. Von diesem Krieg spricht der buddhistische Gelehrte und Zen-Meister, der als einer der ersten das Zen in den Westen brachte, als »nicht notwendigerweise schrecklich«, da, von einem höheren Gesichtspunkt aus, die gebrachten Opfer als »Phönixe« angesehen werden müssten, die im heiligen Feuer der Spiritualität dargebracht würden.
Wir können heute eine solche Verdrehung der buddhistischen Lehre, also des Dharma, natürlich nicht mehr nachvollziehen. Aber damals, innerhalb des herrschenden japanischen Nationalismus, wurden diese absurden »Begründungen« eines Krieges, der mit größter Grausamkeit geführt wurde, im Namen hoher Ideale akzeptiert. Wir sind heute schockiert – das Buch von Brian Victoria hat mehr als einen buddhistischen Lehrer im Westen für lange Zeit verstummen lassen – und können es nicht fassen. Vielleicht sollten wir aber vorsichtig sein, wenn wir über diese Dinge – wenigstens innerlich – den Kopf schütteln und unser Unverständnis zum Ausdruck bringen. Denn wenn wir heute die mentalen Techniken, nicht nur, aber eben auch aus dem Buddhismus, in den Dienst einer Fitness innerhalb des neoliberalen globalen Marktes stellen, eines Marktes, der dabei ist, nicht nur den Klimawandel des Planeten als Kollateralschaden in Kauf zu nehmen, sondern auch einen Biodiversitätsschwund und eine allgemeine biosphärische Degradation, die nur noch mit den ganz großen Aussterbe-Ereignissen in der Geschichte des Lebens auf diesem Planeten zu vergleichen ist, schulterzuckend akzeptiert, dann bewegen wir uns auf einem Unmenschlichkeits-Level, das über die Rechtfertigung von grausamen Kriegen womöglich noch hinausgeht.
Sōen Shaku bringt Kategorien durcheinander. Tatsächlich müssen wir heute anerkennen, dass mystische Einsichten auf der einen Seite, bis hin zur höchsten Einsicht des Advaita-Vedanta: »Alles ist Eins« (oder jedenfalls: »Alles ist Nicht-Zwei«) und menschliches ethisches Verhalten auf der anderen, grundsätzlich unterschiedlichen Kategorien angehören. Und das Eine führt eben nicht automatisch zum Anderen (no pun intended). Mit den tiefsten mystischen Einsichten ist – auch dann, wenn sie genuin sind – nicht notwendigerweise eine ethische Reife des Charakters verbunden. Man muss das wohl sehr drastisch formulieren, um die Tragweite dieser Dinge klar zu machen: »Man kann ein vollständiges Training dieser Zustände des Bewusstseins absolvieren, und dennoch auf der Bewusstseinsstruktur verbleiben, auf der man ist. Nazis können satori erfahren«, wie Ken Wilber es ausdrückt.(5)
Auch in der globalen Wirtschaft werden, mit drastischen Folgen, Kategorien durcheinander gebracht, wenn etwa in den USA den Konzernen Rechte von Personen zugesprochen werden – mit den bekannten Folgen zum Beispiel für die Finanzierung der Wahlkämpfe.
Und wenn wir selber Glück zum Ziel des Buddhismus erklären, wobei wir »Glück« aus unserem Verständnis von Zufriedenheit und Wohlsein (»Wellness«) heraus definieren, und damit die spirituell-existentielle Kategorien des Dharma mit unseren Kategorien von Wellness und Bedürfnisbefriedigung durcheinander bringen, dann hat auch das entsprechende Folgen. Dass wir einen Kategorienfehler begehen, wenn wir den Dharma, also die Lehren des Buddhismus, als Mittel der Glücksfindung betrachten, müsste uns eigentlich sofort klar werden, wenn wir lernen, dass der Ausgangspunkt des Weges des historischen Buddha nicht das Unglück, sondern – nach unseren Kategorien – das perfekteste Glück war, was man sich nur vorstellen kann. Der Buddha war schon ein maximal glücksoptimierter Mensch, als er sich auf die Suche nach – ja was eigentlich …? – machte. Ein in unserem Sinne verstandenes Glück war, wie die Erzählung so deutlich macht, wie es nur irgend geht, nicht sein Ziel, sondern sein Ausgangspunkt.
Die mystische Erfahrung – von den kleinen persönlichen Erleuchtungs- und Befreiungserlebnissen angefangen über erlebte Synchronizitäten bis hin zur genuinen »Alles-ist-Eins« Erfahrung – gehört, wie wir lernen können, zu einer komplett anderen Kategorie als die Ethik und die persönliche ethische Grundhaltung. Und es gibt, auch das können wir lernen, keinen naturgesetzlichen Zusammenhang zwischen dem Einen und dem Anderen. Aber auch kein hierarchisches Verhältnis? Ist der Spieler höherstehend als die Mannschaft oder die Mannschaft höher als der Spieler? Solche Hierarchisierungen machen keinen Sinn, da die beiden Kategorien nicht mit dem gleichen Maß gemessen werden können. Genauso wie ethische Haltung und genuine mystische Einsicht nicht mit dem gleichen Maß gemessen werden können.
Das Schöne an Fehlern ist, dass wir sie berichtigen können. Vorausgesetzt, wir haben sie als solche erkannt. Mit den Verblendungen ist das nach buddhistischem Verständnis anders, da lässt sich nichts berichtigen, die müssen einfach ersatzlos gestrichen werden, wenn man ihre leidbehafteten Folgen los werden will. Aber Fehler lassen sich mittels Einsichten durch angemessene Haltungen ersetzten. Wenn ich etwa in einer Gemeinschaft lebe, in der sich der Kategorienfehler eingeschlichen hat, Begriffe wie zum Beispiel »Team« in der gleichen Kategorie wie den Begriff »Person« zu behandeln, dann können die sich daraus ergebenden Probleme, z.B. dauernd unerledigte Aufgaben, beseitigt werden, wenn dieser Fehler berichtigt wird.
Natürlich ist das Lernen oft schmerzlich. Besonders, wenn ich meine Fehler erst im fortgeschrittenen Alter erkenne und vielleicht schon in manchen Bereichen als Lehrer oder Coach oder wie es heute auch immer heißen mag, tätig bin. Wie sehr eine Anerkennung in einem Bereich die Lernfähigkeit in anderen Bereichen blockieren kann, dokumentiert die Geschichte des japanischen Buddhismus im letzten Jahrhunderts. Und wenn ich erschüttert und entsetzt bin über die unmenschlichen Taten und aberwitzigen Rechtfertigungen von grausamsten Kriegsverbrechen durch angesehene buddhistische Mönche, Lehrer und »Meister«, dann kann ich mich aus der geisteszerrüttenden Erschütterung und dem lähmenden Entsetzen befreien durch eine »Erweiterung« meines inneren Horizontes, indem ich anerkenne, dass die Kategorie der mystischen Erfahrung eine ganz andere ist als die Kategorie der Ethik und der charakterlichen Reife und dass tatsächlich jemand, der als »Meister« auf einem Gebiet anerkannt sein mag und auch in diesem Bereich tatsächlich sehr fortgeschritten ist, gleichzeitig in einem anderen Bereich noch kaum auf eigenen Beinen steht.
Auf dem Weg der meditativ-spirituellen Praxis üben wir, unseren Geist geschmeidig zu machen. Aber ein biegsamer und gleichmütiger Geist allein schützt uns noch nicht vor Verblendung und Fehlleistungen. Wir kommen eben nicht darum herum, uns der Wahrheit zu stellen, so wie sie nun einmal ist. Sei es unsere ganz persönliche »innere« Wahrheit, oder die Wahrheit derjenigen Strukturen und Ideologien, innerhalb deren wir heute meistens so gut funktionieren. Einsichtsmeditation, Vipassana, muss deswegen über Körperwahrnehmung hinausgehen in den größeren »Körper«, den politischen und biosphärischen Körper, in dem wir eben faktisch auch leben.

 


Quellen:

 (1) Dzongsar Jamyang Khyentse. Adapted from “Not for Happiness: A Guide to the So-Called Preliminary Practices. November 15, 2012 https://www.lionsroar.com/not-for-happiness-january-2013
 (2) Zit. n. Dzongsar Jamyang Khyentse, a.a.O.
 (3) Soyen Shaku. Zen for Americans. Buddhist View of War. 1906. Reproduced from The Open Court. May, 3, 1904, p. 197.
 (4) Soyen Shaku. An address delivered at a service held in memory of those who died in the russo-japanese war (At the Golden Gate Hall, November, 1905.) In: Zen for Americans, by Soyen Shaku. 1906, p. 204
 (5) Aus den Telefonkonferenzen zum Buch Integrale Spiritualität. Zit. n.: Buchbesprechung: Zen, Nationalismus und Krieg von Michael Habecker auf www.integralesleben.org.


Literatur:

 Dzongsar Jamyang Khyentse. Not for Happiness: A Guide to the So-Called Preliminary Practices. 2012
 Gilbert Ryle. "Descartes' Myth". In: Ders.: The Concept of Mind. Hutchinson, London, 1949
 Brian Daizen Victoria. Zen at War. 1997. Zweite Auflage: 2006.
 Soyen Shaku. Zen for Americans. Buddhist View of War. 1906. Reproduced from THE OPEN COURT.
 Ders.: An address delivered at a service held in memory of those who died in the russo-japanese war (At the Golden Gate Hall, November, 1905.) In: Zen for Americans, by Soyen Shaku. 1906Online: http://www.sacred-texts.com/bud/zfa/zfa22.htm

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