Die Frage nach dem Wesen – Ghost in the Shell

Neu in den Kinos ist eine Realverfilmung des zur Ikone gewordenen Mangas ‚Ghost in the Shell‘ von Shirō Masamune (1989). Dessen Umsetzung als Anime (Zeichentrick-Film) von Mamoru Oshii verschaffte der Manga- und Anime-Szene 1995 internationales Ansehen. Seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, wurde das Manga zur Inspiration auch für westliche Filmemacher wie etwa die Wachowski-Geschwister, die viele Elemente aus Ghost in the Shell in ihre Matrix-Trilogie übernahmen.

In der Regel als Coming-of-age Story verstanden, erzählt die Geschichte wie Geheimdienstoffizierin Motoko Kusanagi, ein Cyborg, also ein teils menschliches, teils künstliches Wesen, auf Manga-typischen Ab- und Umwegen zu sich selbst findet. Von ihrem Arbeitgeber dazu beauftragt, einen Cyber-Terroristen zu stellen, stellt sie dabei zunehmend nicht nur die Natur ihres Auftrags in Frage, sondern auch sich selbst. Dieser Selbstfindungsprozess ist eine Ebene, auf der man die Story lesen kann. Manche Sätze in der Anime-Verfilmung stützen diese Lesart: »Träume ergeben erst einen Sinn, wenn man in der Realität für sie kämpft; wer sich aber nur an fremden Träumen bewegt, statt sein eigenes Leben zu leben, ist so gut wie tot.« Dieser mehr oder weniger gefühlte »innere Auftrag«, nämlich der Auftrag, die eigene persönliche Geschichte, die sich von den Standardgeschichten unterscheidet, zu finden, um sich selber gegenüber der Umwelt zu definieren – dieses »Gefühl« war und ist es natürlich in erster Linie, dass die »Connection« der meist adoleszenten Manga-Rezipienten und Film-Fans zum Gegenstand ihrer Faszination herstellt. Darüber hinaus lässt sich aber wohl noch eine andere Deutungsebene finden, weniger offensichtlich, aber die dauerhafte Faszination an diesem Stoff vielleicht noch besser erklärend: Das »Ursprüngliche Wesen«, wie die japanischen Buddhisten vielleicht sagen würden, hier nach Manga-Manier als eine an ein menschliches Gehirnfragment gebundene Seele in einer Art »Muschel« eingeschlossen – daher der Titel: Ghost in the Shell – und mit einem High-Tech Körper ausgestattet vorgestellt, tritt langsam aber sicher hinter ihrer Programmierung und der Funktion der Aufträge ihrer »Macher« hervor. »They don’t saved your life, they stole it«, erklärt der Antagonist der Geschichte der Heldin und versucht ihr klar zu machen, wie vollständig sie selber zum bloßen Instrument von undurchsichtigen Machenschaften geworden ist. Es geht eben nicht nur um die Fragen des Erwachsenwerdens, sondern, allgemein-menschlicher auch um die – kulturell unterschiedlich beantworteten – Fragen nach dem Wesen des Menschseins.

Die Hauptdarstellerin der Realverfilmung, Scarlett Johansson, erklärt auf einem Tokio-Event zu ihrer Rolle, dass es besonders herausfordernd wäre, einen Charakter spielen zu müssen, der bzw. die, »some step removed from human« sei, weil so viel »inside« vorgeht, was unmöglich auf einer maschinellen – schließlich ist die Figur ein Cyborg – Außenseite reflektiert werden könnte. Übersetzt: Eine menschliche Seele, ein menschliches Bewussstsein, braucht die Körperlichkeit – die wiederum ohne die Umwelt, die Biosphäre, nicht denk- und machbar ist – um zu verkörpern und zu zeigen, was alles »in ihr steckt«. Natürlich ist eine solche Aussage nichtssagend selbstreferentiell, aber sie macht wenigstens ansatzweise deutlich, was alles hinter esoterischen und spirituellen Lehren steckt, dort aber oft nicht ausgesprochen und nicht thematisiert – und damit oft auch nicht wirklich verstanden – wird: das vorschnelle Reden von einer nur wegen misslicher Umstände inkarnierten Seele, wie in den üblichen New-Age Derivaten der Gnosis oder auch von der »Ursprünglichen Natur« in einem verkürzt verstandenen ostasiatischen Mahayana-Buddhismus, verdeckt die Problematik des Zusammenspiels von Geist und Materie, von Seele und Welt, mehr als dass es sie aufhellt. »When you don’t have the nuance and the tools of, you know, those things, those little things that make us human … – it’s just a very challenging experience«, stammelt Scarlett Johansson im Versuch, die Schwierigkeit, eine Persönlichkeit und deren Seelenkämpfe darzustellen, während sie – bzw. der Charakter, den sie darstellt – nur einen mechanischen Körper mit sehr begrenzten Ausdrucksfähigkeiten zur Verfügung hat.
Oder, wie es einmal ein Zen-Meister, etwas gröber formuliert, ausdrückte: Man kann in der Welt des Absoluten, in der reinen Welt des Geistes, nicht essen und nicht scheißen. »Simply pointing to sameness (the absolute) risks trivializing differences (the relative). As a matter of how you function, it’s essential to distinguish people’s differing needs«, versucht Bernie Glassman Roshi es seinen Schülern einzubläuen.

Die »Lehren« des New-Age, in der marktgängigen Form, in der sie uns heute aufgedrängt werden, lassen sich in etwa zusammenfassen als: [1] Erinnere dich daran, wer du wirklich im Innern bist – bzw. im Wesen immer noch bist – bevor du von der Gesellschaft und der Schule verbogen wurdest, dann [2] erinnere dich, warum du dich inkarniert hast und folge diesem Auftrag und schließlich, [3] folge den praktischen Ratschlägen der Meister und Gurus, meditiere regelmäßig, mache dein Yoga und ernähre dich vegan. Und so weiter.

Diesen New-Age Imperativen zu folgen, führt allerdings in der Praxis, wie wir heute überall vorgeführt bekommen, fast immer nur zu dem Versuch, die unmenschlichen Folgen des Neoliberalismus mit meditativen Mitteln und mentalen Techniken abzupuffern. Die Frage nach dem Wesen bleibt dabei nicht nur offen sondern völlig unberührt. Und zwar auch dann, wenn man sich – zunächst einmal – von der Bevormundung durch Schule und Elternhaus gelöst hat. Mit dem Coming-of-Age ist die Frage nach dem Wesen natürlich noch nicht geklärt, aber vielleicht die Grundlage für die Suche nach einer Antwort – wenn man denn eine will … – gelegt.

Im Anime Ghost in the Shell verschmilzt die Protagonistin zum Schluss mit ihrem – angeblichen – Antagonisten und verschwindet in gewisser Weise aus dieser Welt. Zwar wird ihr dann noch von ihrem Kollegen ein neuer, junger Cyborg-Körper zur Verfügung gestellt, aber sie ist zu sehr »über die Welt hinaus«, als dass man noch erwarten könnte, sie so richtig »in ihrem Körper« antreffen zu können. Die Fragen im Zusammenhang mit der Verkörperung des Geistes sind einmal durchgespielt. Beantwortet sind sie natürlich in keiner Weise, aber das ist ja auch nicht das Anliegen einer dramatischen Inszenierung. Zumal das Thema ja auch nicht neu ist …  Schon den Titel des Anime entlehnte Mamoru Oshii von Arthur Koestler. Dessen pessimistische Analyse ‚The Ghost in the Machine‘ von 1967 wiederum geht auf ein Buch des britischen Philosophen Gilbert Ryle zurück, der versucht, René Descartes‘ Problem des Körper-Geist Dualismus auf einen Denkfehler der Kategorienbildung zu reduzieren. Dieses – trotzdem immer noch virulente – Problem wird heute gern, mit einem Ausdruck von David Chalmers, als »The hard problem« bezeichnet: »The really hard problem of consciousness is the problem of experience. When we think and perceive there is a whir of information processing, but there is also a subjective aspect«. Ohne philosophischen und wissenschaftlichen Anspruch, dafür mit poetischer Kraft behandelte es schon Heinrich von Kleist in seinem berühmten Aufsatz ‚Über das Marionettentheater‘, der zuerst 1810 erschienen. In einem fiktiven Gespräch wird dort die Frage erörtert, welchen Einfluss Reflexion und (Selbst-) Bewusstheit auf die natürliche Anmut haben. Dort stellt sich der Mensch als beinahe störendes Element zwischen der reinen Schönheit der mathematisch-physikalischen Gesetze und der von ihnen bestimmten Bewegungen und der göttlichen Vollkommenheit dar. Das Kind wird mit seiner Unbekümmertheit als der ursprünglichen Vollkommenheit noch am nächsten wahrgenommen – eine Idee, die wir von vielen New-Age infizierten Eltern kennen, die gerne ihre Kinder als ihre größten Lehrer bezeichnen – und neben dem Göttlichen als Ideal vorgestellt: »so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat …« Und der Erzähler zieht daraus die Schlussfolgerung: »Mithin […] müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?«

Wenn aber der Zuschauer des Marionettespiels sich vom Spiel nicht bloß unterhalten fühlt und nicht bloß lacht – und damit zeigt, dass er nichts versteht – sondern wirklich schaut und wirklich versteht, dann, so schreibt R. M. Rilke 1907: »rissen [die Marionetten] an ihren Schnüren / herein vor die kleinen Coulissen / die Hände von oben, die Hände, / die immer versteckten, entdeckten / häßlichen Hände in Rot: / und stürzten aus allen Türen / und stiegen über die Wände / und schlügen die Hände tot«. Später, in den Duineser Elegien (1912 bis 1922) verwandelt er die Revolution als Reaktion auf das durchdringend erkennende Schauen des Zuschauers in eine Zwangslage der Götter- bzw. Engel-Ebene, die dann nämlich gezwungen sein wird, »daß, um mein Schauen / am Ende aufzuwiegen, dort als Spieler / ein Engel hinmuß, der die Bälge hochreißt. / Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel. / Dann kommt zusammen, was wir immerfort / entzwein, indem wir da sind. Dann entsteht / aus unsern Jahreszeiten erst der Umkreis / des ganzen Wandelns. Über uns hinüber / spielt dann der Engel.«

Wir hadern heute oft, sowohl laienhaft im New-Age Bereich, als auch, professionell, im Bereich der akademischen Naturphilosophie, mit unserem Verständnis davon, was einst schlicht »Seele« hieß, von den ganz traditionellen Buddhisten als belanglos für die Leidbefreiung beiseitegeschoben wird, und dann aber doch wieder, mit großem öffentlichen Interesse, in der Poesie und in den Mangas und der Popkultur thematisiert wird. Und wir stellen immer noch die alten Fragen: Wer oder was sind wir eigentlich und wie finden wir ein harmonisches Verhältnis zu diesem unserem wahren Wesen oder dieser unserer »Wahren Natur«? Die erste – in der Adoleszenz übliche – Reaktion auf das Erkennen der eigenen Bedingtheit, oder die eigene Programmierung oder das eigene An-den-Fäden-geführt-werden, ist üblicherweise die Revolution, das »Totschlagen« der führenden Hände. Und dann – denn wir spielen ja immer noch weiter, nur dass wir jetzt glauben, wir würden selber an unseren Fäden ziehen – kommt es, als nächste Stufe, bei weiterem Erkennen und wirklichem Schauen, wie Rilke sagen würde, zum Zugzwang für die wirklichen Kräfte, und es kommt dann auch – manchmal – zusammen, was zusammen gehört: »Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel. / Dann kommt zusammen, was wir immerfort / entzwein, indem wir da sind«. Dafür ist aber mehr Erkenntnis nötig, als für eine kurative Anwendung von mentalen Techniken gebraucht wird und auch mehr Reflektion als für eine nutzbringende Instrumentalisierung asiatischer Methoden der Selbstoptimierung nötig ist, dafür müssten wir, wie Heinrich von Kleist sagte, »wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen / […] das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt.« Der Kleistsche »Stand der Unschuld« oder der »Wahre Mensch ohne Rang und Namen«, wie Meister Rinzai es mit einer seinerzeit schon älteren und kaum mehr verständlichen taoistischen Formel ausdrückte, ist aber eben gerade keine funktionale Perfektion des schon Bekannten, sondern eine wirklich neue Stufe. In diesem Sinne zitiert am Schluss der Anime-Verfilmung von 1995 die frisch inkarnierte Heldin, die aber irgendwie auch mit ihrem Antagonisten verschmolzen ist, aus einem Korintherbrief: »Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin«. Und zum Ende der Fortsetzung, ‚Ghost in the Shell 2 / Innocence‘, zitiert sie dann nicht Paulus sondern einen Vers über die Praxis und das Glück des einsam übenden buddhistischen Mönches aus dem Dhammapa. Worauf ihr Anime-Kollege sie fragt: »Würden Sie sich selbst als glücklich bezeichnen?«
»Ich denke«,
urteilt daraufhin die Heldin, »das ist ein nostalgischer Wert«, um sich dann von ihrem Kollegen mit den Worten zu verabschieden: »Wann immer Sie ins Netz eintauchen, werde ich bei Ihnen sein«. Sie hat sich selbst, indem sie eine ganz neue Existenzform eingeht, zwar gewissermaßen transzendiert, dadurch aber auch aus der Gemeinschaft der »normalen« Menschen – und der immmer noch sehr körperlichen Cyborgs – entfernt.

Dieses Thema der Steigerung bis hin zur Transzendierung alles Menschlichens wird auch in Luc Bessons Film ‚Lucy‘ von 2014 – zufällig mit derselben Hauptdarstellerin wie Ghost in the Shell – durchdekliniert. Hier vor dem Hintergrund des New-Age Mythos, wonach wir angeblich nur zehn Prozent unseres Gehirns, bzw. unseres Potentials, nutzen. Die Neurologen erklären uns zwar, dass dies eine Milchmädchenrechnung sei, aber nehmen wir es einmal nicht so genau, nehmen wir an, es gäbe bei dem, was wir Menschen leisten können, tatsächlich noch reichlich Spielraum nach oben. Was wäre dann also, wenn wir diese Prozentzahl steigern? Immerhin kennen wir reale Beispiel von menschlichen Leistungen, die akademische Skeptiker in Erklärungsnotstand bringen. Der Japaner Isao Machii zum Beispiel wehrt eine auf ihn aus einer Luftpistole abgeschossene Kugel mit seinem Katana-Schwert ab. Die Kugel wird von ihm im Flug zerschnitten. Dabei zeigt die Hochgeschwindigkeitskamera, dass er die Augen geschlossen hat. Die Professorin der Psychologie, Durvasula Ramani, stammelt, nachdem sie Zeuge einer Vorführung dieses realen Jedi geworden ist, eine Erklärung zusammen, die keine ist. Die normale, aufgrund elektrochemischer physiologischer Prozesse, die eben ihre Zeit brauchen, kaum zu verändernde Reaktionszeit eines Menschen erlaubt solche Dinge nicht. Oder nehmen wir Shaolin Mönche, die sich armdicke Rundhölzer auf die Bauchmuskeln oder den Rücken schlagen lassen und die Hölzer dabei zersplittern, während der Mönch nicht einmal einen blauen Fleck bekommt: dann ist, nach der Auffassung der Mönche, ‚chi‘ im Spiel. Und wenn ein Shaolin-Mönch mit seinem ganzen ‚chi‘, aber ohne groß auszuholen und nur aus ein paar Zentimetern Entfernung, seine Faust auf die Brust eines sensorgespickten Crashtest-Dummies schlägt, verzeichnen die Sensoren des Test-Dummies eine Krafteinwirkung, wie sie der nicht angeschnallte Dummy bei einem Frontalaufprall mit 50 km/h erleiden würde. Ist das einfach sehr gut fokussierte Muskelpower? Die Ostasiaten wissen zwischen banaler Muskelkraft und ihrem ‚chi‘ aber sehr gut zu unterscheiden. Ein japanischer Zen-Mönch lachte nur, auf die Frage deutscher Zen-Schüler hin, ob die Sumo-Ringer auch ‚ki‘ hätten, und erläuterte, speziell für die begriffsstutzigen Langnasen: »No ki! They only have power«. Die Sumo-Ringer haben nur Körperkraft und Gewicht. Über diese »Power«, reine Körperkraft, kann der Zen-Mönch nur lachen. Da ist kein ‚ki‘. Was aber ist ‚ki‘ oder, wie die Chinesen sagen, ‚chi‘? Ein Shaolin Mönch spricht davon, dass dieses uns so ominöse ‚ki‘ sowohl pysisch als auch mental wäre. Das ist nun etwas, was keinen Platz in unserem aufgeräumten westlichen Weltbild hat. Wir kennen einerseits die Physis, die der Gegenstand der Physiker ist und dann andererseits die Psyche und den Intellekt und die kulturellen Werte, die Gegenstand der Psychologen, der Akademiker und der Kulturwissenschaftler sind. Wir kennen aber nichts, das sowohl körperlich wie geistig, oder sowohl physisch wie psychisch ist. In den fünziger Jahren spekulierten zwar der Physiker Wolfgang Pauli und der Psychologie C. G. Jung über eine Kategorie von »Dingen«, die sie versuchsweise ‚psychoid‘, also gewissermaßen »seelenförmig«, nannten. Sie versuchten damit Phänomene wie etwa Synchronizitäten und Vorahnungen wissenschaftlich zu fassen. Diese Ansätzen blieben aber im Spekulativen stecken und wurden nicht weiterverfolgt.

Im Kino kann durchgespielt werden, was die Konsequenz einer immer noch weiteren Steigerung menschlicher Fähigkeiten wäre: Luc Bessons Protagonistin Lucy steigert ihre physischen und mentalen Fähigkeiten nicht nur graduell, wie die Shaolin-Mönche, sondern, einer Comic-Verfilmung gemäß, ins Maßlose. Die interessante Frage ist: Was geschieht mit ihr außerdem, außer dass sie zu Supergirl wird. Es beginnt schon einmal damit, dass sie die üblichen menschlichen Emotionen verliert, ihre Körperfunktionen mental steuern kann und radikal zweckrational handelt. Das erinnert uns an die Geschichte von dem Zen-Meister, der während eines Überfalls auf sein Kloster ruhig auf seinem Platz sitzen blieb und dem Räuberhauptmann, der ihn mit den Worten ansprach: Weißt du nicht, dass ich ein Mann bin, der dir den Kopf abschneiden kann, ohne mit der Wimper zu zucken? antwortete: Und weißt du nicht, dass ich der Mann bin, der sich den Kopf abschneiden lassen kann, ohne mit der Wimper zu zucken? Diese Geschichte wird in Zen-Kreisen gerne erzählt. Wie aber wird sie verstanden: Ist der Zen-Meister gefühllos? Hat er seine normalen körperlichen Reflexe – mit den Wimpern zucken, beim Kopf-Abschneiden – unter voller mentaler Kontrolle? Und wenn der Zen-Meister sich nicht mehr von den ganz normalen physiologischen Reflexen und von den menschlich-allzumenschlichen Emotionen – Angst, Wut, Sicherheitsbedürfnis usw. – steuern lässt, wovon wird er dann gesteuert? Lucy, im Film, wird zunächst einmal, ganz rational, von ihrem Sebsterhaltungstrieb gesteuert, sie erlebt aber auch ein erweitertes Erinnerungsvermögen, und indem ihre mentalen Fähigkeiten sich über das menschlich-allzumenschliche Maß hinaus entwickeln und sie Angst, Verlangen und Schmerzempfindungen verliert, weiß sie aber auch, dass sie sich von ihren menschlichen Bezugspersonen – im Film durch eine letztes Telefonat mit ihrer Mutter – verabschieden muss, da sie nichts mehr mit ihnen gemein hat. Ein Mensch, der seine mental-geistigen Kapazitäten tatsächlich dramatisch steigert, verliert damit auch jeden sinnvollen Kontakt zu seinen, dann gewissermaßen »geistig zurückgebliebenen«, Freunden, Kollegen und Verwandten. Muss man sich also einen verwirklichten spirituellen Adepten, zum Beispiel einen Zen-Meister, als furchtbar vereinsamten Menschen vorstellen? Lucy, im Film, erkennt, »dass das, was uns ausmacht, primitiv ist« und dass »alles, was uns menschlich macht, verblasst«, wenn man sich selbst transzendiert, wie es in der deutschen Synchronisation heißt. Der Shaolin-Mönch, der noch nicht einmal einen blauen Fleck bekommt, wenn ein Holzprügel auf seinem Rücken zerschmettert wird, oder der mit dem Samurai-Schwert Praktizierende Zen-Adept, der eine Kugel im Flug mit dem Schwert zerschneidet und auch der – legendäre – Zen-Meister, der nicht mit der Wimper zuckt, wenn ihm der Kopf abgeschnitten wird (»Der Tod ist relativ«, sagt Lucy) … – alle diese realen oder legendären Menschen, die ihr Fähigkeiten dramatisch gesteigert haben, sind sie aufgrund dieser Steigerungen menschlicher geworden? Die Steigerung unserer Fähigkeiten und Kapazitäten steigert eben gerade nicht – aller New-Age Romantik zum Trotz – unsere Menschlichkeit, sondern stellt sie sogar in Frage!

Unter dem Strich müssen wir konstatieren: Der Versuch, unser Leben und die Welt zu beherrschen und zu konstruieren, ob nun mit industrieller Technologie oder mit Meditation und anderen mentalen Tricks, und der Versuch, unsere Fähigkeiten und Kapazitäten zu steigern, all dies hat nichts damit zu tun, unserem Wesen zu entsprechen. Ja, noch nicht einmal damit, unser Wesen zu erkennen. Wenn wir aber nicht wissen, was unser Wesen ausmacht, dann könnten wir eben wenigstens – bescheiden aber wahrhaftig – mit und in dieser Unergründlichkeit leben. Statt uns mit endlosen Steigerungen zu betäuben. Etwas anderes als die maßlose Steigerung scheint uns aber nicht einzufallen. Größer. Schöner. Schneller. Komfortabler. Effektiver. Selbst im alternativen und bürgerlich gewordenen New-Age-Sektor heißt es nur noch: Gesünder, schlanker, glücklicher, flexibler … Während unsere großen ökologischen Probleme faktisch im Wesentlichen aus genau diesen Steigerungsdynamiken erzeugt werden: Wohnfläche pro Kopf, Konsumgütererneuerungsraten, Mobilität in Personenkilometern pro Jahr und auch die Datenmobilität, all das steigern wir im Versuch, das Glück zu finden und uns selber zu überschreiten. Wir sind anscheinend ganz allgemein steigerungssüchtig. Nach etwas anderem als dem Mehr und dem Schneller zu fragen, fällt niemandem mehr ein. Wir sind auf berechenbare Quantitäten und deren maßlose Steigerung fixiert. »Wir haben uns ein System erschaffen, dass uns das Unergründliche vergessen lässt«, sagt Lucy. »Aber wenn der Mensch nicht der Maßstab ist und die Welt nicht durch mathematische Gesetze geregelt, was definiert dann alles?« fragt der weise alte Mann in Bessons Film. Und Lucy philosophiert: »Ohne Zeit existieren wir nicht«. Die Zeit, das ist all das Begrenzte und Differenzierte und in seiner ganz und gar nicht-gesteigerten Form unserem Wesen Gemäße. All das, was für uns nicht ins Maßlose gesteigerte Menschen etwas Konkretes und Wirkliches bedeutet. Bloße quantitative Steigerungen bleiben aber nur eine Flucht vor dem Wesentlichen ins Unmenschliche. Egal ob eine Steigerung mit kybernetischen Mitteln wie bei Ghost in the Shell oder mit chemisch-biologischen, wie bei Lucy oder mit mental-meditativen, wie bei den Shaolin-Mönchen und Zen-Adepten, angestrebt wird: jede Steigerung, die keine Schranken kennt, bleibt nur Betäubung und kann nur in einer Katastrophe enden. Und zwar egal ob sie auf technische oder meditativ-östliche Weise angestrebt wird.

Das Besondere – und über die Kleistsche und Rilkesche Behandlung des Themas hinausgehende – an diesen Mangas, Animes und Realverfilmungen ist: sie illustrieren das heute faktisch stattfindende Verschmelzen östlicher und westlicher Werte und Ideale. Plakativ vereinfacht gesagt, das Streben nach Individualität und die penetrante Identitätssuche, das unersättliche Verlangen nach Selbstbestätigung und die werbewirksam eingesetzte sogenannte Selbstverwirklichung im Westen auf der einen Seite und dann, eher dem klassischen chinesisch-japanischen Weltbild entsprechend, eine Welt der prästabilierten Harmonie und des Seins statt des ewigen grenzenlosen Werdens und Strebens auf der anderen. Diese »Welt« selber, gleichgültig ob es die geheimnisvolle Welt der chinesischen Berge ist oder die Welt der Häuserschluchten und Kanäle einer dystopisch extrapolierten Version von Hongkong oder Shanghai, diese Welt selber spielt beinah die Rolle eines eigenen Charakters in dieser Anime-Verfilmung. Und sie erlaubt es sich, szenenlang in ruhigen Schilderungen dieses »Charakters« zu schwelgen – man erinnert sich an alte Bilderbücher mit japanischen Holzschnitten von Hokusai – obwohl die junge männliche Zielgruppe angeblich eher nach unterbrechungsloser Action verlangt. Noch einmal vereinfacht ausgedrückt werden hier die neuzeitlich westlichen (jedenfalls ursprünglich …) Dynamiken der Suche und der Ausdehnung und des Wachstums mit einer klassisch-östlichen »Dynamik« des Seins, eines Seins in und mit der Umgebung, konfrontiert. »All things change in a dynamic environment. Your effort to remain what you are, is what limits you«, erklärt der Antagonist der Hauptfigur in ‚Ghost in the Shell‘. Und indem er das erklärt, vermischt er die klassische buddhistische Lehre – Leiden entstammt dem Sich-Anklammern an vergängliche Dinge – mit der neuzeitlichen Heilslehre vom Glück durch Wachstum ins Unbegrenzte. Die Identitätssuche der Hauptfigur wird also vermischt mit der neuzeitlichen Glücksideologie. »Um weiter existieren zu können, entwickelt sich jede Lebensform durch Diversifikation«, philosophiert der Antagonist, der ursprünglich kein Mensch, sondern ein aus dem Informationsnetz geborenes Bewussstsein ist.

Die höchste Form des Bewussstseins aber, das Sat-chit-ananda des Advaita-Vedanta, ist per definitionem nicht entwicklungsfähig, da es eben, »das Absolute« ist. Es ist zwar das Ziel aller Mystiker, aber dieses inhärent ewige Ziel ist mit dem inhärent zeitlichen Impuls der Evolution nicht kompatibel. An dieser Stelle bleiben die grundsätzlich divergierenden Weltanschauungen, die östliche und die westliche, unvereinbar. Und um diese Unvereinbarkeit herum bewegen sich nicht nur progressive Theologen die Neuzeit, wie Teilhard de Chardin, ihre eigenen kulturellen Begrenzungen überschreitende Mystiker, wie Sri Aurobindo und problembewusste Naturphilosophen, wie David Chalmers, sondern auch unser aller kollektives Bewussstsein, ausgedrückt zum Beispiel in solchen weitverbreiteten Produkten wie den Manga-Comics und in Anime- und Realfilmen. Und auch jeder, der einem meditativen oder im weitesten Sinne spirituellen Pfad folgt, hat auf seine Weise damit zu tun. Indem er sich nämlich – letztendlich – auf etwas Absolutes bezieht, das in gewisser Weise jenseits der Zeitlichkeit und der Veränderlichkeit liegt, und andererseits aber an der eigenen Entwicklung, also einem immanent zeitlichen Prozess, arbeiten will und natürlich als physisch-biologisches – und ethisches! – Wesen in und mit der Biosphäre in der Zeit leben muss. Beides, das grundsätzlich Ewige und Absolute, wie auch die Tatsache des Gestaltenwachstums in der Natur und die ganz persönliche Entwicklung und Entfaltung, bleibt letztendlich ein Mysterium, in das wir eingebettet bleiben, ob wir uns das nun klar machen oder nicht. Wir sind eben immer gleichzeitig auf Ewiges und Unendliches und auf Begrenztes, sich ständig Entwickelndes, bezogen. Wir können versuchen, das Gewahrsein dieser Mysterien in uns zu betäuben, durch Drogen und durch Arbeit und durch Medienkonsum; aber sogar unsere Faszination an solchen Werken der Popkultur, wie eben auch dem ‚Ghost in the Shell‘ Zyklus, zeigt, wie sehr uns diese Themen trotzdem gepackt halten.

Wir gehen dabei – bewusst oder nicht – einen Pfad, für den weder die östliche noch die westliche Kultur eine vollständige Karte bereitstellen kann. Das Abenteuer einer bewusst gelebten Wirklichkeit geht immer noch über alle Anime-Verfilmungen und alle Fantasy weit hinaus …

 

 

Filme und Literatur:

Ghost in the Shell. Mamoru Oshii, 1995. Anime-Film nach dem gleichnamigen Manga von Masamune Shirow, 1989
Ghost in the Shell. Realverfilmung nach dem Anime. Rupert Sanders, 2017
Lucy. Luc Besson. Frankreich, 2014
Dhammapada (Zitat: Kap. 21, Vers 305: »Allein sitzen, allein ruhen, allein gehen. Indem er sich selbst zähmt, wird er glücklich allein - allein im Wald.«)
1. Brief des Paulus an die Korinther 13:11-12
Heinrich von Kleist. Ueber das Marionettentheater. 1810. Reprint VMA-Verlag, Wiesbaden 1980
R. M. Rilke. Marionetten-Theater (Furnes, Kermes). Aus: Die Gedichte 1906 bis 1910 (Paris, 20. Juli 1907)
R. M. Rilke. Duineser Elegien. Erstausgabe: Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien, Insel, Leipzig 1923
Jakob Steiner, „Das Motiv der Puppe bei Rilke“, in: Kleists Aufsatz über das Marionettentheater: Studien und Interpretationen, Hrsg. Helmut Sembdner (Berlin: Erich Schmidt, 1967) 132-170
Rainer Maria Rilke, „Puppen: Zu den Wachspuppen von Lotte Pritzel“, in: Werke: Kommentierte Ausgabe in 4 Bde. Hrsg. Manfred Engel und Ulrich Fülleborn (Darmstadt: WBG, 1996) 4: 685-692.
Sadhguru. Isha Insights Magazine, Spring Edition 2009
Arthur C. Clarke. Die letzte Generation (Orig.: Childhood's End), 1953.

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