Der gelungene Alltag als gesundes Ideal?

Wenn wir heute noch Ideale haben oder eine spirituelle Praxis pflegen, dann sollen diese Dinge mindestens mit dem Alltag kompatibel sein. Aussteigen war gestern und die Bewältigung des Alltäglichen ist anspruchsvoll genug, da soll die spirituelle Praxis, wenn wir schon eine halbe Stunde pro Tag dafür von unserem knappen Zeitkonto abzwacken, wenigstens etwas Unterstützung bringen …
Vor einigen Jahren schaute sich ein junger Akademiker in einer der ältesten intentionalen Gemeinschaften Deutschlands um und bewertete deren ökologischen Standard, was die Bausubstanz betraf, als minderwertig. Er hatte nicht ganz unrecht.

Die Gemeinschaft, vor dreißig Jahren mit hohen Ansprüchen in einer achtzig Jahre alten Bausubstanz gegründet, entspricht tatsächlich nicht mehr dem jetzigen Standard. Und die Mitglieder der Siedlung lebten und leben zum großen Teil auf eher niedrigem Einkommensniveau und hatten und haben einfach nicht nicht das Investitionskapital um die schwierige alte Bausubstanz auf den neuesten Öko-Standard zu bringen. Was sich der junge Akademiker, in dem Moment, als er diesen Maßstab an diese »Ökosiedlung« anlegte, aber nicht klar machte: Dieser von ihm angelegte Maßstab selber musste von den – vor dreißig Jahren noch jungen und kämpferischen – Gemeinschaftsmitgliedern erst gegen erheblichen gesellschaftlichen Widerstand erkämpft werden. Was uns als „Alltag“ und „alltäglich“ und „gesund und normal“ gilt, verändert sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt …  Heute sind für uns ökologische Ansprüche normal und deren Diskussion ist alltäglich geworden. Genauso wie der wöchentliche Termin in der Yoga-Klasse und der Meditationsurlaub. Vor dreißig, vierzig Jahren war das aber noch ganz anders. Thermokollektoren auf dem Dach des Eigenheims galten als Dorfverschandelung und die ersten Windenergie-Anlagen in Norddeutschland wurden von den alteingesessenen Bauern als »Spökenkroom« bezeichnet. Und wenn in besagter intentionaler Gemeinschaft die Zen-Adepten in ihrer dunklen Meditationskleidung zur Gehmeditation aus der Zendo kamen, wurden sie argwöhnisch vom Bürgermeiser und dem Sektenbeauftragten der evangelischen Landeskirche beäugt. Heute dagegen wird Zen für Manager von der Krankenkasse bezuschusst und selbst für linientreue Katholiken ist es völlig in Ordnung, sich vom frisch aus Japan angereisten Jesuiten in Zen-Meditation unterrichten zu lassen. Und die evangelische Landeskirche bucht heute für ihre Fortbildungskurse die Seminarräume derselben Gemeinschaft in die sie vor dreißig Jahren ihren Sektenbeauftragten schickte. Gesunder Sex bis ins hohe Alter wird heute von denselben Zeitschriften gepriesen, die vor dreißig Jahren ihre Leser warnten, wenn deren erwachsen gewordene Kinder sich für Indianer-Schwitzhüttenzeremonien interessierten.
Freud, so heißt es jedenfalls, soll nach der Zeugung seiner Kinder seine gesamte Libido in seine wissenschaftliche Arbeit gesteckt haben. Verzehrende Leidenschaften können eben auch auf Gebieten aktiviert werden, die man eher weniger mit ihnen in Verbindung bringt. Aber auch dort können sie unser gesamtes Leben in Anspruch nehmen. Etwas so völlig Beanspruchendes und Verzehrendes zu tun, ist aber mit dem Ideal eines gesunden und ausbalancierten Alltags nicht vereinbar. Das gesunde ordentliche Leben soll balanciert, geregelt, ausgeglichen und harmonisch verlaufen und mit einem schmerzfreien Tod im hohem Alter erfüllt und lebenssatt enden. Dramatische Einbrüche in diese gesunde Balance sind zu vermeiden. Amerikanische Partnerschaftsvermittler bieten konsequenterweise denn auch schon »Love without the falling« an, weil ja niemand mehr ein »Falling in Love« erleben möchte, wie der englische, auch entsprechend im Französischen übliche, Ausdrucke lautet. Denn der »falling«-Anteil an der Liebe, der dramatische Kontrollverlust über das eigene Leben, ist es, der nicht in den glatt verlaufenden Alltag passt und uns in Panik versetzt.

Was aber, wenn wir uns einmal doch nicht davor retten können? Wie gehen wir aber mit dem Einbruch einer wirklichen Leidenschaft in unseren gesunden Alltag mit seinem ausbalancierten Work-Life Verhältnis um, wenn es uns doch einmal trifft? Der französische Philosoph Alain Badiou reagiert auf einen solchen Einbruch nicht mit Abwehr und Verdrängung, sondern mit aktivem Gestaltungswillen: »Ich werde aus dem, was ein Zufall war, etwas anderes machen. Ich werde daraus eine Dauer, eine Hartnäckigkeit, eine Verpflichtung, eine Treue machen.« Natürlich meint er den Einbruch der erotischen Leidenschaft und der Großen Liebe in das geregelte Leben. Und er reagiert mit dem bewusst in Kauf genommenen Paradoxon, aus der Überwältigung durch den Zufall und aus dem erotischen Moment »eine Verpflichtung und eine Treue« zu machen. Das klingt allerdings nur wie die Regulierung des Eros durch die bürgerliche Ehe. Er meint ja gerade nicht, dass er sich mit Hilfe einer gesellschaftlichen Institution vor dem nochmaligen Einbruch der Leidenschaft schützen will, »… ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diejenigen, die ich geliebt habe, auf ewig geliebt habe und noch liebe«, sagt er und macht damit klar: der Umgang mit dem Einbruch des Überwältigenden lässt sich nur innerhalb einer paradoxen Haltung bewältigen.

C. G. Jung hat das, in Bezug auf den Einbruch der spirituellen Dimension in das alltägliche Leben, so ausgedrückt: »Wenn man versteht und fühlt, dass man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wünsche und Einstellung. Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan. Auch in der Beziehung zum andern Menschen ist es entscheidend, ob sich das Grenzenlose in ihr ausdrückt oder nicht.« Und der in Südindien populäre Guru Jaggi Vasudev, bekannt als Sadhguru, ist da auch sehr deutlich: »… if you do not experience yourself beyond the limitations of this body and mind, I would say this human form has been wasted upon you«. Und wenn der südindische Guru davon spricht, dass es sein kann, dass »this human form has been wasted upon you«, oder C. G. Jung meint, dass »das Leben vertan« sein kann, dann können sie so etwas nur von einem Standpunkt außerhalb eines »gesunden und geregelten Lebens« aus sagen. Wenn wir also eine spirituelle Praxis mit unserem »ganz normalen und alltäglichen« Leben in Einklang bringen möchten, wenn wir also zum Beispiel »Zen im Alltag« als das Ideal des zenbuddhistischen Weges anpreisen, dann müssen wir uns fragen lassen, was wir denn mit dem »Alltag« meinen, in den wir die spirituelle Praxis, sei es Zen oder eine andere Form, subsumieren wollen. Oder in den es faktisch – ob wir das wollen und intendiert haben, oder nicht – subsumiert wird …

 


Literatur:

  • Alain Badiou. Lob der Liebe. Passagen Verlag, 2011
  • Carl Gustav Jung. Erinnerungen, Träume, Gedanken. Olten, 2005  (Zitat: S. 327f.)
  • Jaggi Vasudev. Encounter the Enlightened. 2001

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