Blade Runner und die ‚Ursprüngliche Natur‘. Revision eines Film-Klassikers

In der Tradition des Mahayana-Buddhismus wird gerne von der ‚Ursprünglichen Natur‘ oder ‚Buddha-Natur‘ (Buddha-dhātu, tathāgata-dhātu) gesprochen, die es von uns zu finden und wieder zu aktivieren gilt. Ist das jetzt eine kulturelle asiatische Spezialität, nur von Interesse für Buddhologen und Asien-Spezialisten, oder handelt es sich um einen universellen Archetypus, der uns alle angeht? Und wenn dieser Archetyp, dieses Thema, allgemein menschlich gültig ist, wie wird er dann in unserer Kultur thematisiert? Lässt sich darüber etwas sagen, ohne es zu zerreden? Versuchen wir es. Anhand des Film-Klassikers ‚Blade Runner‘ von Ridley Scott aus dem Jahre 1982.

Blade_Runner_Eye

Ein Film, der seinerzeit beim Publikum durchfiel, sich dann langsam zum Geheimtipp und zum Kultfilm entwickelte und jetzt als einer der ganz großen Filmklassiker gilt. Der letzte ohne Computerhilfe gemachte Science-Fiction Film. Natürlich sind eine Menge der Einstellungen »Trickshots«, aber sie wurden direkt beim Drehen, in der Kamera, auf richtigen Film gemacht. Über die Technik, alles noch analog, ließe sich viel sagen, darüber gibt es Dokumentationen. Aber worum geht es im Film? Und wussten die Filmleute das selber, während sie, Nacht für Nacht, in Kälte und künstlichem Regen, an diesem Meisterwerk arbeiteten? Wusste es Ridley Scott, als er diesen besonderen Film machte? Philip K. Dick, dessen Roman die Inspiration für den Film lieferte, zeigte sich »blown away«, als ihm die ersten Aufnahmen im Studio gezeigt wurden. Wie sie das gemacht hätten, fragte er die Filmcrew, ob sie sich direkt in sein Gehirn gehackt hätten …? Offenbar hatte der Regisseur mit seinen Bildern den Nerv der Geschichte getroffen. Worum es geht ist die alte Frage: was ist der Mensch. Aber, wie es eben mit Geschichten und mit – guten – Filmen, im Gegensatz zu abstrakten philosophischen Fragen, die uns nur mit den Schultern zucken oder die Augen gegen die Decke rollen lassen, so ist: im Gegensatz dazu kann uns eine wirklich gute Story, die dieselbe Frage thematisiert, packen und nicht mehr loslassen. Auch nach 35 Jahren. So alt ist der Film jetzt. Und wann wurde die Kurzgeschichte geschrieben? Aber beide sind nicht »alt«. Gute Geschichten altern nicht. Der Film hat immer noch die Power, die Magie, uns in seinen Bann zu ziehen. Was also, so dekliniert der Film durch, macht uns also zum Menschen: die möglichst perfekte Erfüllung der Aufgaben, die uns gestellt sind? Die Entwicklung unserer Potentiale? Kraft, Ausdauer, Intelligenz, Kreativität? Wenn ja, was ist denn dann, wenn ein Android oder wenn die Replikanten, wie die synthetischen »Wesen« im Film genannt werden, uns in all dem übertreffen? Ich schäme mich so, soll Gari Kasparow gesagt haben, nachdem er 1996 von Deep Blue geschlagen wurde. (Die Aktienkurse IBMs schnellten daraufhin in die Höhe.)

Geht es in Blade Runner und in der Geschichte von Philip K. Dick um das Unterscheidungsmerkmal zwischen synthetischen Wesen und Menschen? Ein Teil vom Job des Helden, gespielt von Harrison Ford, besteht darin, anhand der Empathie, die jemand in einem Psychotest zeigt, Pupillen- und Gefäßdilatation, ein kaum merkliches Zittern in der Stimme bei sehr persönlichen Fragen, und so weiter, herauszufinden, ob sein Gegenüber ein von einer Mutter geborener Mensch mit einer echten Kindheitsgeschichte oder ein im Labor synthetisiertes, aber körperlich vom Menschen kaum unterscheidbares Wesen ist, dessen Erinnerungen implantiert sind, weil es gar keine Kindheit hatte. Ist es dieses Thema: Was ist das entscheidene Kritierium für einen wirklichen Menschen, was den Film und dessen Story so zeitlos gültig macht? Bei echten klinische Soziopathen, die nicht zu Empathie fähig sind, nicht dazu, sich in andere Menschen einzufühlen, lässt sich eine geringere Aktivität des Vorderhirns und der Amygdala nachweisen als bei psychisch gesunden Kontrollpersonen. Solche Menschen wären übrigens nach der im Film angewandten Definition keine echte Menschen. All das interessiert vielleicht die Neurologen und die klinischen Psychologen, was ist es aber jetzt, dass uns – von der phantastischen handwerklichen Filmkunst abgesehen – an der Story fasziniert? »I’m not in the business«, sagt die Replikantin Rachael (Sean Young), die gerade herausgefunden hat, dass sie kein Mensch ist, sondern ein Konstrukt, »I am the business«. Das Geschäft des Helden, des »Blade Runners«, ist es, illegale Replikanten auszuschalten. Er macht es sich aber nicht leicht. Obwohl er sehr gut ist in seinem Job, quält er sich mit der Aufgabe herum, aus dem Ruder laufende Replikanten »auszuschalten«. Und dann verliebt er sich auch noch in eines dieser synthetischen Wesen. Ein Wesen mit einer konstruktionsbedingt auf wenige Jahre begrenzten Lebensdauer. »It’s too bad, she won’t live. But then again, who does?« eröffnet ein Polizistenkollege dem Filmhelden das Schicksal seiner Geliebten und verrät mit einer hinterlassenen Origami-Figur, die direkt aus den intimsten Träumen des Helden stammt, dass dieser selber gar kein Mensch, sondern Replikant mit implantierten künstlichen Erinnerungen ist.

Aus dem Genre des Film-Noir, auf das dieser Film zurückgreift, kennen wir die klassische Schluss-Szene, in der der Held – von der femme fatale, in die er sich unsterblich vernarrt hat, ausgenutzt und mit leeren Händen zurückgelassen – von einem Freund gefragt wird: Wenn du die Zeit zurückdrehen und die ganze Sache noch einmal von vorne machen könntest, würdest du es wieder genauso machen? Und der Held lächelt und man weiß, er würde alles genau so noch einmal machen. Das Endergebnis, selbst wenn es die Niederlage und das Dastehen mit leeren Händen bedeutet, ist belanglos. Glück ist belanglos. Der Film-Noir ist in diesem Punkt weiser und lebensklüger als jeder »buddhistisch« inspirierte Glücksberater. Er macht uns klar, dass unsere kindlich-naive Idee von „Glück“ belanglos bleibt. Und dass es letztendlich nur um die Frage geht, als was wir uns selber verstehen und wofür, für welche Haltung, wir uns entscheiden. Und diese Freiheit gibt es sogar im düstersten Film-Noir.
Die Story dieses »Sci-fi-Noir« wurde von Philip K. Dick vor einem halben Jahrhundert geschrieben und sie fasziniert immer noch, weil ihr Thema so alt ist wie die Menschheit. Und es geht eben gerade nicht um die Frage, was wir »von Natur aus« sind. Sondern es geht um die Frage, wie entscheide ich mich, jetzt, in jedem Moment. Es geht um die Frage, ob ich die Chance nutze, aus der Rolle, immer nur »business« zu sein, auszusteigen. Auch, wenn ich mich erst einmal als »business«, also als bloßen Gegenstand und Teil eines Geschäftes, oder als blind gläubiger Anhänger einer Ideologie, oder als bloßes Konstrukt und Opfer meiner Kindheitstraumata, entdecke. Wir sind eben erst einmal Geschöpf der Umstände. Aber das Geschöpf ist es, das die interessanten Erfahrungen macht, nicht der Schöpfer: »If only you could see what I’ve seen with your eyes«, wie der Replikant im Film zu seinem Konstrukteur sagt.

Die Frage – so könnte man die Moral von der Geschicht‘ verstehen – ist nicht, ob wir eine unsterbliche Seele besitzen oder nicht. Die Frage ist auch nicht, was unsere ursprüngliche Natur ist. Die Frage ist, wofür wir uns jetzt, heute, in diesem Moment entscheiden. Die Frage ist, ob wir zum Leben erwachen. Ob wir synthetisch sind oder ein Konstrukt oder „natürlich“ oder traumatisiert oder geheilt … – entscheidend ist, wofür wir uns im gegenwärtigen Moment entscheiden und ob wir diesem unmittelbaren Augenblick gegenüber wach sind und wirklich lebendig: »It’s too bad, she won’t live. But then again, who does?«

Der Film klärt die Frage: ist der Held ein Mensch oder ein synthetisches, konstruiertes Wesen, nicht endgültig. Er spielt nur immer mit Andeutungen, so ist etwa die Wohnung des Helden im prägnanten Stil des Ennis-House gestaltet, für dessen Ornamente sich der Architekt Frank Lloyd Wright vom Maya-Stil inspirieren ließ und der Firmensitz des Replikantenkonzerns, einschließlich der Wohnung des Schöpfers der menschenähnlichen Androiden, erinnert an eine riesige, die Stadt überragende Maya-Pyramide. Die Wohnungen von Geschöpf und Schöpfer zeigen also eine gewisse, wenn auch nur vage, Verwandtschaft. Schöpfer und Geschöpf stammen aus dem selben Stall, sozusagen. Die Fans lieben es, sich über diese Fragen in den Foren zu streiten. Und über das Für und Wider der unterschiedlichen Varianten des Film-Endes. Für die erste Kinofassung musste der Regisseur auf den Druck des Studios hin ein Happy End anfügen. Der Held und seine geliebte Replikantin fliehen aus dem düsteren Moloch von Stadt und reisen einer hellen Zukunft entgegen. Merkwürdigerweise glauben die Produzenten und Geldgeber ja immer, dass das Publikum so etwas wünscht. Die ursprüngliche Fassung, jetzt wieder als ‚Final Cut‘ auf DVD erhältlich, endet dann wieder, ohne konstruiertes Happy End, mit der Andeutung, dass eben auch der Held selber ein Replikant ist.

Es kommt – dieser Schluss drängt sich uns auf – nicht darauf an, herauszufinden, was wir »wirklich« oder »im Wesen« sind. Oder was unsere »ursprüngliche Natur« denn nun sein mag. Es kommt noch nicht einmal darauf an, ob unsere Kindheitserinnerungen, mit allen damit verbundenen Emotionen und Traumata, »echt« sind oder implantiert oder Produkt eines »false memory syndroms«. Es kommt aber darauf an, so scheint der Film zu suggerieren, was wir aus der Ungewissheit, die sich womöglich niemals aufklären lassen wird, machen. Es kommt darauf an, wofür wir uns entscheiden und wie wir uns verhalten, unabhängig von einem postulierten »Wesen«, einer »Natur« oder auch: unabhängig von unserer Vergangenheit. Und die bleibende Popularität des Films und die Intensität, mit der er diskutiert wird, scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass sein Thema tatsächlich eine wirksame archetypische Dynamik auf den Punkt bringt. Ein Archetyp, der eben keine fixierte Antwort auf eine religionsphilosophische Frage bietet, sondern eher die Art und Weise charakterisiert, wie wir mit solchen Fragen, die weder endgültig beantwortet, noch beiseitegeschoben werden können, umgehen.

P.S.: Wussten die Macher, wussten Ridley Scott und Harrison Ford denn nun beim Dreh, worum es geht und ob Deckard ein natürlicher Mensch ist oder ein synthetischer Replikant? – Womöglich wussten sie es nicht. Oder hatten unterschiedliche Ansichten darüber. Aber auch das ist belanglos. Wichtig ist die Dynamik der Story, der Geschichte, des Film. In gewisser Weise ist auch hier das Eigenleben der Schöpfung, in diesem Fall das Eigenleben eines meisterhaften Films, wichtiger als die Intentionen seiner Schöpfer. Und übrigens sind die Schöpfer nicht für die Interpretation des Ganzen verantwortlich. Wir sind es.

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