Die Leidenschaften, die Ideale und der Troll

Sie standen schon auf der Roten Liste der aussterbenden Arten, aber nachdem Internetforen und Online-Magazine ihnen jetzt ein neues Biotop bieten, haben wir wieder öfter mit Trollen zu tun.

Auch wenn wir nur vage mit der nordischen Mythologie vertraut sind, haben wir doch gleichwohl in aller Regel ein ganz gutes Bild davon, was ein Troll ist und wie sich so ein Wesen üblicherweise benimmt. Nicht sehr zivilisiert jedenfalls und nicht von übermäßiger Selbstkontrolle geprägt. Außerdem kennen wir – wir erinnern uns an die Abenteuer des kleinen Hobbit – den Effekt, den das Sonnenlicht auf die Trolle hat: sie versteinern auf der Stelle und sind damit ein für alle Male unschädlich.

In den Foren des Internet und in den Kommentarspalten der Online-Magazine auftauchende Trolle demonstrieren dort gern ihr Talent, jede vernünftige Diskussion schon im Keim zu sprengen und das Schlechteste in den jeweils anderen Kommentatoren und Diskutierenden hervorzubringen. Allein die dringenden Hinweise leidgeprüfter Diskutierender, auf den Troll nicht einzugehen und seine Beleidigungen und üblen Nachreden einfach zu ignorieren, führen bei den anderen Diskutanten auch nur wieder zu heftigen Ausfällen, vom allgegenwärtigen: jeder solle doch sagen dürfen, wonach ihm ist, bis hin zum Maulkorb-gibts-hier-nicht Rufen. Was ein Troll jedenfalls fast immer erreicht, ist die Abwendung vom Thema und von der Sache. Oft regen sich nach dem Einwurf eines Trolls alle erfahrenen Beteiligten über die gutgemeinten aber naiven Vorschläge der Neulinge auf, wie man denn mit einem Troll umgehen müsse … – der Sache dient das dann aber auch nicht mehr.

Woher aber kommen die schon ausgestorben geglaubten Trolle und ihre unbändige Energie? Lässt sich darauf eine Antwort finden? Versuchen wir’s meditativ, mittels Introspektion: Wenn ich allzu genervt bin, von den Umständen oder von meinen eigenen inneren Widersprüchen – oder, was wohl die Regel ist, von einer schwerverdaulichen Mischung aus beidem –, dann verbündet der kleine verborgene Troll in mir sich mit dem halbgaren New-Age Anhänger, der irgendwo ja auch noch in einer Ecke schlummert, beide halten die Händchen, fühlen sich sehr groß und stark und skandieren dann lauthals, dass man doch seinem Herzen folgen solle. Und dann kotze ich mich verbal aus und schaue mich, Beifall heischend, um. Und wenn ich echt Pech habe, dann bekomme ich sogar Beifall und der karmische Knoten sitzt für mindestens eine Inkarnation fest … Wird mir aber ein paar Tage später klar, welchen inneren Grobianen ich da mit meinen Äußerungen zum Opfer gefallen bin, dann beiße ich die Zähne zusammen und kratze mir eine notdürftige Rationalisierung meiner Entgleisung zusammen. Und mit dieser schwachsinnigen, aber im Detail möglicherweise raffiniert ausgetüftelten nachträglichen Rationalisierung meines Mich-Auskotzens nerve ich dann wochenlang meine Umgebung.

Wie kann man nun einen Troll – oder, falls man das lieber auf der Subjektebene durchspielen möchte, einen Trollenergie-Schub in sich selbst – unschädlich machen? Einen äußeren oder einen inneren? Der kleine Hobbit rät uns, den Troll so lange mit etwas Unschädlichem zu beschäftigen, bis das klare Licht des anbrechenden Tages auf ihn fällt … – und wir dann einen soliden und möglicherweise nützlichen größeren Steinbrocken vor uns haben.

Was aber mache ich mit den Trollen in mir, auf die noch nicht der – den Troll versteinernde und mich erlösende – Strahl der aufgehenden Sonne gefallen ist? Oder mit den trollartigen Impulsen und Momenten in mir selber?
Richard Baker, der amerikanische Zen-Meister, erzählte einmal, er hätte in seinen Jugend- und Studentenjahren die Erfahrung gemacht, dass er sich heftigst auf die Zunge biss, wenn er dabei war, etwas Negatives oder Herabsetzendes über Dritte zu sagen. Natürlich war dieses Sich-auf-die-Zunge-beißen keine moralische Leistung oder Selbstkasteiung, sondern eine völlig unwillkürliche »Leistung« seitens seines Unbewussten oder wie immer man diese Instanz nennen will. Nun war das damals die Zeit – Ende der Sechziger – der Proteste und des Aufbegehrens gegen Autoritäten jeder Art. Von daher lehnte er sich eben auch gegen diese »innere Autorität«, die ihm bei jeder entsprechenden Gelegenheit eine zerbissene Zunge bescherte, heftig auf. Aber, wie er jedenfalls erzählte, zeigte sich diese innere Autorität als durchaus wehrhaft und schließlich als so konsequent und rabiat, dass er sich sogar dann auf die Zunge biss, wenn er nur etwas Negatives über einen anderen Menschen dachte! Er versuchte dann noch eine Zeitlang sich konzentriert dagegen zu wehren, bis die Sache so schlimm wurde, dass er sich einmal, wie er schildert, so stark auf die Zunge biss, dass sein Mund sich mit Blut füllte. Den Kampf gegen diesen merkwürdigen Reflex gab er dann schließlich auf, zumal auch die Verhaltensregeln des buddhistischen Mönchs bzw. Priesters – Richard Baker wurde als Zen-Priester ordiniert – von ihm forderten, sich der üblen Nachrede radikal zu enthalten.

»Trollenergie«, wenn man von so etwas sprechen will, speist sich wohl in aller Regel hauptsächlich aus Frust. Über die Verhältnisse, oder, bei etwas mehr Selbsteinsicht, über das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit in einem selber … Wenn man aber nun nicht, wie der spätere Zen-Lehrer Richard Baker, solche »unbewussten« Kontrollinstanzen und blutigen Reflexe in sich parat hat, welche Chancen hat man dann, diese Impulse zu zivilisieren?

Trolle sind, so meint man zu wissen, hilflos ihren Impulsen und Leidenschaften ausgeliefert … – ist also das probate Gegenmittel eine perfekte Selbstkontrolle? Als Schulbuchbeispiel für ein Leben entsprechend der Spielregeln der Selbstkontrolle gilt uns der preußische »Moralphilosoph« Kant. Schaut man sich dessen Biographie aber genauer an, stellt man unter dem Strich fest: er folgte eben gerade nicht einfach nur der seinerzeit geltenden »Moral« und den Benimmregeln des Herrn Knigge, sondern machte sich, von seinen eigenen Leidenschaften getrieben, dazu auf, die Moral überhaupt zu begründen, und zwar mit universellem Anspruch. So etwas tut man aber nicht aus bloßer Pflichterfüllung. Tatsächlich müssen wir uns Immanuel Kant wohl als einen sehr leidenschaftlichen Menschen vorstellen. Und dazu noch als einen, der seine Leidenschaft voll auslebte. Seine Leidenschaft war das Denken. Und dieser Leidenschaft gab er sich hemmungslos hin. Vermutlich hatte er neben dieser ganz großen Leidenschaft auch noch andere, allgemeinmenschliche, gepflegt und inwieweit er sich denen hingab oder sie unterdrückte oder sublimieren musste … – wer weiß. Aber wir wissen jedenfalls, dass er sich jenem ihn zentral bewegenden Antrieb, der Faszination für »den bestirnten Himmel über uns und das moralischen Gesetz in uns« hemmungslos hingab. Und er hatte Glück. Mit seiner Position in Königsberg, auf die er allerdings auch bis zu seinem 46. Lebensjahr warten musste, war ihm nicht nur erlaubt, sich seinen Leidenschaften hemmungslos hinzugeben, sondern diese Hingabe versorgte ihn sogar mit Einkommen und bürgerlichem Ansehen. Allerdings musste er sich auch in seinen letzten Lebensjahren mit Zurechtweisungen und Zensur durch den königlichen Kultusminister herumschlagen, dem die Leidenschaft Kants, also die Naturphilosophie, denn doch zu weit ging und zum Beispiel nicht Bibelgetreu genug war.

Von Kant kennen wir auch die Unterscheidung von Vernunft und Rationalität. Um diese Dinge unterscheiden zu können, muss man aber nicht aus Königsberg kommen. »Er hat zwar studiert, ist aber trotzdem ganz vernünftig«, meinte zum Beispiel der Maurer und Nachbar meiner Mutter einmal über einen Ingenieur im Bauamt, ein Lob, das wir unmittelbar verstehen. Jemand kann vollkommen rational agieren und argumentieren, aber vollkommen unvernünftig sein. Solche Menschen können uns unglaublich nerven und bis zur Weißglut treiben, weil wir ihnen mit rationalen Argumenten nicht beikommen können, sie haben immer Recht. Aber ihr »Rechthaben« ist eben völlig wirklichkeitsfrei. Dagegen kann eine – im Sinne des Nachbarn positiv zu bewertende – Vernunft über bloße Rationalität weit hinausgehen, weil sie eben die wirklichen Zusammenhänge, das Leben, wie es nun einmal ist, jeweils mit einbezieht und berücksichtigt. Und diese – größere – Vernunft ist nicht vollständig rationalisierbar, weil die Ratio ein Teil des Lebens ist und nicht umgekehrt. Wir erleben mehr als wir begreifen, sagt der Physiker Hans-Peter Dürr.

Das Beharren auf der Rationalität (und unserem Rechthaben) verdammt uns übrigens in der Praxis oft genug auch zur Vereinzelung, während eine umfassendere Vernunft – im Sinne Kants – uns sogar in Bezug auf die Sterne in eine beinah intim zu nennenden Verbindung kommen lassen kann. Diese Fähigkeit, die Vernunft, »stellt mich«, wie er sagt, im Gegensatz zur bloßen Ratio, »in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, […] und mit welcher […] ich mich [in] allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne.«
In den wenig vernunftbetonten Diskussionsforen im Internet und in den Kommentarspalten der Online-Magazine lässt sich nun allerdings nur schwer etwas gegen Trolle unternehmen und wenn die Administratoren sie sofort aussperren, wird natürlich gleich wieder der Maulkorb und die Meinungsfreiheit beschworen. Neuerdings tun die Trolle sich auch zusammen und gründen Parteien, erkennbar daran, dass die Gemeinsamkeit der Parteimitglieder im Wesentlichen in einer Abneigung gegen alles Fremdartige, Unbekannte und ihre Pfründe in Frage Stellende besteht. Positive Ziele über den Erhalt des status quo der Gesettelten hinaus werden gar nicht für wünschenswert befunden. Trolle lieben eben den status quo. Möge die Sonne nie scheinen!

So richtig entnervend kann es aber auch gerade dann werden, wenn die Trollenergie Hand in Hand mit einem engagierten Idealismus, besonders dem rein proklamativen, geht. Das können wir etwa in NGOs erleben oder in intentionalen Gemeinschaften. Wenn dort jemand innerlich von Trollenergie überrannt wird, dann ist das natürlich nicht der Troll, der dann die innere Regie übernimmt, sondern es ist z.B. der Impuls irgendwen oder irgendetwas, am liebsten die gemeinsam proklamierten Ideale, vor irgendjemandem anderen oder etwas anderem zu schützen. Ein solcher Impuls kann dann auch in aller Regel wunderbar rationalisiert werden. Und da der (innere) Troll in solchen Umständen auch gerne (innere) Händchen hält mit leicht zu benennenden, weil völlig abstrahierten, »Idealen« und »Werten« hört sich sein Sich-Auskotzen gelegentlich sogar irgendwie – wie nun genau, weiß man nicht so richtig zu sagen … – gerechtfertigt an. Und die Leute mit einem gerade akut aktivierten Helfersyndrom verteilen dann Streicheleinheiten an den armen Troll.
Im Zen-Training sitzen wir, ohne Ablenkung und ohne unnötige innere Beschäftigung tage- und wochenlang einfach nur wach und aufmerksam da. Dabei beobachten wir in uns eine ganze Menge, unter anderem möglicherweise auch gelegentlich eine aufsteigende Trollenergie … – der wir dann (natürlich nur innerlich) freundlich zunicken können und uns aber weiter nicht groß um sie kümmern. Und das Erstaunliche ist, dass sich eine solche Energie, wie alles andere auch, dann verändert und möglicherweise verraucht … – ganz ohne die Notwendigkeit eines verbalen Auskotzens. Man hält einfach die Klappe und sitzt weiter wach und aufmerksam da. Der auftauchende innere Troll findet das öde und langweilig und seine Energie verändert sich mit der Zeit. Dabei tun wir garnichts.

Wir schauen auch nicht weg und wir versuchen auch nicht irgendetwas »meditatives« zu unternehmen. Wir tun einfach garnichts. Außer wach und aufmerksam sein. Der kleine Hobbit findet das in Ordnung. Denn die Trolle vertragen es einfach nicht, wie er aus Erfahrung weiß, wenn das Dunkel aufhört …
Nun möchte man zwar jedem, bei dem sich eine aufsteigende Trollenergie ankündigt, zurufen: Klappe halten und still sitzen!, aber nicht jeder ist dieser Form der Zen-Behandlung zugänglich und wir kennen ja auch aus dem Alltag Gelegenheiten und Umstände, wo Trollenergien »von Natur aus« weniger oft und weniger stark aktiviert werden. Konkret scheinen dazu eher diejenigen Formen und Strukturen zu gehören, wo neben den (proklamierten) Idealen und den reinen Abstrakta auch mehr handgreifliche Dinge eine zentrale Rolle spielen, etwa Handwerker-Kooperativen oder auch Software-Kollektive, wo die gemeinsame Begeisterung für die Sache die Zusammenarbeit prägt und wo auch oft der Erhalt des status quo und die Absicherung von Pfründen (mangels Vorhandenseins solcher …) kaum eine Rolle spielt. In solchen Arbeits-Zusammenhängen scheint die Begeisterung für die gemeinsame Sache und die Orientierung an den Spielregeln des Handwerks oft so stark zu sein, dass eine »Trollenergie« gar nicht erst aufkommt. Und erfahrene BesprechungsleiterInnen verraten uns auch, dass Trollenergie-Vorsorge in Meetings und Versammlungen einfach auch schon darin bestehen kann, möglichen (inneren) Frusterfahrungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem unmittelbare Transparenz mit Hilfe einfacher technischer Hilfsmittel hergestellt wird, wie dem – für alle sichtbaren! – Mitschreiben aller Diskussionspunkte und Einwürfe (Beamerprotokolle) und der strikten Anwendung des guten alten indianischen Redestabes (leider nicht immer im Alltag möglich).

Und wir dürfen eben nicht in den Fehler verfallen, den Trollen – bzw. der entsprechenden Energie in uns selber – auch noch den roten Teppich auszurollen, indem wir die ganz gewöhnliche Trollenergie mit dem Glanz der gemeinsamen Intentionen und der (proklamierten) Ideale und Werte übergießen und ihnen dann eine Show auf dem Laufsteg gewähren.

Und die Praxis – die wirklich handgreiflich-handwerkliche oder körperlich-künstlerische Praxis – zeigt sich ja oft als so viel weiser und konstruktiver als alle unsere idealen Patentrezepte und bewährten »Heilungs-« und »Transformations-« Formeln und Rituale.

Vielleicht ist die vermehrt auftretende Trollenergie in solchen Biotopen wie den Internetforen, den gutbürgerlichen Ich-bin-dagegen-Parteien oder auch in den – allzu idealistischen? – intentionalen Gemeinschaften, deren Mitglieder schon lange keine Erde mehr zwischen den Zehen haben, auch ein Hinweis auf eine ganz allgemeine Neigung zum Verkopften, allzu Abstrahierten und bodenlos Abgehobenen, also den Bereichen, die für nichts und niemanden taugen, außer als neue Biotope für Trolle …
Weitgehend trollfreie Räume finden wir dagegen öfters in den Bereichen, wo die Beteiligten eher pioniermäßig an einem Pilotprojekt arbeiten, in dem es auch immer viel Bewegung gibt (OpenSource Software, Handwerkskooperativen, etc.), wo es (noch) kaum um das Abstecken von Claims geht, und wo noch keine Sicherheiten und Pfründe zu verteidigen sind. Vielleicht ist also – wie schon gesagt – das vermehrte Auftauchen von Trollen, bzw. der Trollenergie, ein Hinweis darauf, den Stand der Dinge, in dem wir uns eingerichtet und eingeigelt haben, noch einmal wieder in Frage zu stellen.
Trolle als Indikatoren für falsche Sicherheiten und hohl gewordene Idealismen? Wer weiß.

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Kommentare

Die Leidenschaften, die Ideale und der Troll — 1 Kommentar

  1. Jürgen, du begeisterst mich immer wieder!
    Danke für den Denkanstoß und danke, dass du mir die Möglichkeit gegeben hast an deinen wunderbaren literarischen Fähigkeiten teilhaben zu dürfen.
    VlG
    Moni

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