Leonard Cohen im Konzert

„Ich weiß nicht, wann wir hier noch einmal vorbeikommen werden, aber heute abend geben wir alles was wir haben.“ – Leonard Cohen im Konzert in Hannover.
Er sagt „wann“. Nicht „ob“. Und doch meint man zu hören: Das wird es gewesen sein. Das letzte Mal. So long Marianne. Forever. Oder?
Ein alter Mann. 76 Jahre. Haare schlohweiß. Der Hut tief ins Gesicht gezogen. Aber er strahlt. Er springt auf die Bühne (später hüpft er mit großen Sprüngen, wie ein kleiner Junge über eine Frühlingswiese, für die Pause wieder herunter …), nimmt das Mikrofon in beide Hände und kniet sich nieder. Er setzt zu seinen Songtexten an wie ein Hoher Priester vor dem Altar, der einen Psalm rezitiert. Vor dem Höchsten senkt der Mensch die Augen und beugt die Knie.
Aus ein paar Worten und ein paar Noten etwas zu machen, was uns erheben kann, was „uplifting“ sein kann, wie Cohen sagt, daß so etwas überhaupt möglich ist, das ist so erstaunlich, daß man angesichts dieser – immer ungewissen und immer fragilen – Möglichkeit auch besser, wie vor dem Höchsten, erst einmal den Blick senkt und niederkniet. Zumal der Weg dahin, daß das gelingt, erbärmlich und erniedrigend sein kann. „It’s like ragpicking …“ Es ist wie Lumpen sammeln, sagte er in einem Interview. Über das Schreiben. Die romantische Vorstellung, daß ein Künstler vor einem gedecktem Buffett sitzen würde und nur zuzugreifen bräuchte, würde für ihn nicht gelten. Hier ein Fetzen und da ein Stückchen. Und dann die Arbeit, daraus etwas zu machen, was strahlt, „… that long labour of shaping it up.“ Und was dann, wenn es fertig ist, ein eigenes Gebilde ist. Ein Gedicht, ein Song, oder was immer, – etwas, das andere Menschen inspirieren kann.
„Uplifting.“ Ein Gebet wird dann „uplifting“, sagt er, wenn es, so würden es jedenfalls die alten Chassidim erzählen, sich selbst beten würde. Wenn keiner mehr da ist, der das Gebet betet. Dann ist es wirkliches Gebet. Dann kann es uns „erheben“.

Vor dem Hintergrund einer Disposition, die den Schrecken der Welt nicht ausblenden kann, und mit der Neigung zu Depressionen bis dahin, daß er manchmal den Eindruck hatte, der Boden des Raumes würde sich neigen und er nicht mehr, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, zur Tür kommen könne, wird diese Ehrfurcht vor der Möglichkeit, etwas zu schaffen, was „uplifting“ sein kann, noch einmal um so eindrücklicher.
Songs aus vierzig Jahren, nicht viel Neues, aber die „guten alten“ Stücke rezitiert er – zeitlos, wie sie inzwischen geworden sind – wie Mantren, die wirken, in dem Moment, in dem sie gesungen und gehört werden. Alter spielt keine Rolle. Die Zeit ist suspendiert.
Zwischendurch, wenn einer Musiker (durchweg exorbitante Meister ihres Faches) ein Solo spielt, nimmt er den Hut ab, hält ihn sich vor die Brust, beugt sich in Richtung des zelebrierenden Instrumentalisten. Eine Kombination aus lauschen und sich-verneigen.
Er war nicht immer erfolgreich. Zwischendurch gab es Jahre, in denen er, um die Rechnungen bezahlen zu können, kurz davor stand, in den Clubs von Nashville Country-Songs zu singen. Seine Plattenfirma hielt die Werbung für seine Platten in den USA für herausgeschmissenes Geld und seine Managerin ging mit seinem Altersversorgungs-Fond durch.
Aber seine Texte wurden von Sängern mit Anspruch verwendet, seine Songs gecovert. Über seinen Hammond-Orgel-Spieler sagt er, er sei ein „musicians musician“, ein Musiker, der vor allem von Musikern geschätzt wird. Ein Kollegen-Kompliment, das manchmal mit dem Bedauern über mangelnden kommerziellen Erfolg verbunden ist. Cohen selbst wurde zu einem Poeten der Musiker. Die Dunkelheit und die Strahlkraft, die in seinen Songs eine so gefährliche Nähe eingingen, faszinierten die anspruchsvolleren unter den Pop-Musikern. „Eine Menge Autoren haben über den Rand der Vernunft hinaus in den Abgrund geschaut, der sich dahinter auftut,“ meint Bono von U2, „aber sehr wenige sind dort hingekommen und haben sich über das, was sie dort sahen, ausschütten wollen vor Lachen.“
Cohen selbst kam mit seiner eigenen Sensibilität anscheinend lange nicht klar und war weit davon entfernt, den Schrecken über das, was Menschen einander antun können und die Strahlung der Herrlichkeit, die uns – gleichwohl – immer zugänglich ist, irgendwie in ein Bild bekommen zu können. Während einer solchen Phase in den neunziger Jahren hatte er plötzlich den Impuls, sich seinem Zen-Training full-time unterziehen zu wollen.

Der erste Versuch schien allerdings auch seine Schrecken gehabt zu haben. „Much too severe!“ sagte Cohen, als Begründung dafür, daß er erstmal, nach ein paar Tagen, wieder flüchtete. Es war Winter, das Kloster lag in den Bergen, weit jenseits der Komfortzone. Der Abt war Japaner. Der Jikkijitsu ein Deutscher. Die Praxis „severe“. Er hatte den Eindruck, erzählt Cohen und grinst, daß das die Rache für den Zweiten Weltkrieg gewesen sei. Mount Baldy ist bekannt für seine rigorose Zen-Praxis. Nach dem Rohatsu ein warmes Bad? Ein halber Tag frei? Sorry. Fünf Uhr Zendo. Vorher Schneeschaufeln. Und die Öfen anheizen, sonst friert alles ein. Das Kloster ist in den Bergen. Selbstversorgt. Die Unterbringung in Pfadfinderhütten aus den Fünfzigern. Aber dann hielt er doch durch. Und nach Jahren der Übung unter Sasaki Roshi auf Mount Baldy ließ er sich 1996 (laien-) ordinieren. Er blieb bis 1999 im Zen Center, die letzten Jahre als Inji.

Heute, auf diese Zeit angesprochen, sagt er: I had completed that phase of my training.. Und auf die Interviewer-Frage, wie jemand, der so sehr die Rolle des „a ladies man“ zugeschrieben bekommen hätte, überhaupt auf die Idee mit dem Kloster kommen könne, „I always felt it was of one piece. I never felt I was going off on a tangent. Mainly because I think we develop images of ourselves quite early on, and certainly one of the images I had of myself came from reading Chinese poetry at a very young age. There was a kind of solitary figure in some of those poems by Li Po and Tu Fu. A monk sitting by a stream. There was a notion of solitude, a notion of deep appreciation for personal relationships, friendships, not just love, not just sensual or erotic or the love of a man or a woman, but a deep longing to experience and to describe friendship and loss and the consequences of distance. So those images in those poems had their effect, and thirty years later, I found myself in robes and a shaved head sitting in a meditation hall. It just seemed completely natural.“
Und über seine eigene („Selbst“-) Erfahrungen dort: „They’re not saints, and you aren’t either. A monastery is rehab for people who have been traumatized, hurt, destroyed, maimed by daily life that they simply couldn’t master …“
Irgendwann, später, geschah dann etwas, womit er sehr einverstanden sein konnte, wie er sagt, „That background of distress dissolved.” Und wenn der “background of distress“ sich auflöst, dann „kann man die Menschen deutlicher wahrnehmen.” – “You’re able to appreciate the authentic situation. You can just see things more clearly. It’s a veil that drops. You’re not looking at everything from the point of view of your own suffering.”

Cohen über Meditation: „You run through your top ten erotic fantasies, ambition fantasies, revenge fantasies, global ratification fantasies. You run through them all until you bore yourself to death, basically, and the faculty that produces opinions and snap judgments and unrealistic scenarios for your own prominence, after you run through them for a number of years, they cease to have charge. They bore themselves into non-existence. You see them as diversions from another kind of intimacy that you become more interested in – and that is what Socrates said: Know Thyself.“

Das Konzert gestaltet sich selbst zu einem langen Abschied. Ein ruhiger Titel. Dann nochmal mit voller Band. Das Publikum steht seit langem in den Reihen. Cohen entschuldigt sich zwischendurch dafür, uns solange vom Ins-Bett-kommen abzuhalten, „Und das an einem normalen Schultag!“ Drei Stunden Konzert. Ganz zum Abschluß segnet er uns. Er darf das, er ist ein Nachfahre Aarons, er kommt aus einer Priesterfamilie. Und dann hüpft er, in langen Kleinjungenluftsprüngen von der Bühne. Das war’s. A musicians musician. A musicians poet.
„ … we are ugly, but we have the music …“

Interviewzitate zum Teil aus:
He Has Tried in His Way to Be Free. By Sarah Hampson. Shambala Sun: Interview with Leonard Cohen.

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