Permakultur und Buddhismus im Himalaja

Pema, die junge Bhutanesin, gekleidet in ihre farbenprächtige traditionelle Kira, ein bodenlanges, kunstvoll um den Körper geschlungenes Kleid aus handgewebtem Stoff, bemüht sich mit Eifer und offensichtlicher Freude, uns miteinander bekannt zu machen und ins Gespräch zubringen. Um das lodernde Feuer im Garten ihres Hauses in Timphu mischen sich vietnamesische Nonnen aus Hannover, Hamburg und Berlin, in hellgrauen schlichten Gewändern, mit vietnamesischen Mönchen in goldbraunen Roben, Steyerberger Zen-Leuten in japanischem Schwarz-Weiß, den Vertretern der Bhutanesischen offiziellen Drukpa-Kagyupa-Schule, die die zentralen und regionalen Klostergemeinschaften bilden, in Orange-Rot, und Bhutanesen, die Frauen in leuchtenden Farben, die Männer im handgewebten knielangen Gho mit weißroten bestickten Lederstiefeln.
Auf dieser Party erklärt uns der Staatssekretär für alte Kunst und traditionelles Handwerk, warum er in seinem bescheiden bezahlten Amt bleibt und darauf verzichtet, mehr Geld zu machen mit einem Exportgeschäft für Kunsthandwerk: Was bleibt mir denn, so betonte er, – letztendlich? Letztendlich bleibt mir nur: Würde. Ein Schlüsselbegriff, der für das Verständnis dieser Kultur entscheidend zu sein scheint. Eine Würde, die mit einem Stolz auf die eigene Identität und Selbständigkeit verbunden ist und sich auch in äußeren Formen, wie der Landestracht zeigt, die für Angestellte im Staatsdienst Pflicht ist. Eine grundsätzliche Würde und Souveränität wird in diesem vom tantrischen Buddhismus durchdrungenen Land aber auch allen anderen Wesen zugemessen. Hier kann jedes Wesen, vom Kleinkind bis zum verwilderten Hund, davon ausgehen, von allen anderen gesehen und respektiert zu werden. Vierjährige Kinder spazieren mit in die Hüfte gestemmten Fäusten auf der relativ belebten Geschäftsstraße der Hauptstadt herum, ohne dass es zu gefährlichen Situationen kommt. Fußgänger auf engen, sich in Serpentinen durch die Täler windenden Überlandstraßen brauchten nicht zur Seite zu springen, wenn der kleine Touristen-Bus mit vorbeifährt. Lastwagen kurven um auf der Straße schlafende Köter herum.
Sogar die Landschaft selbst, die Flüsse und Berge, werden wie fühlende Wesen behandelt. Wasser und Holz werden zwar mit Selbstverständlichkeit genutzt, aber nur insoweit es wirklich notwendig ist, und immer mit dem Respekt, der einem souveränen, mit eigenen Rechten ausgestatteten Wesen gebührt. Die im Westen noch relativ neue „Deep Ecology“ – eine Ökologie, die sich nicht über Schadenskalkulationen neuer Technologien bei der Argumentation um Umweltschutzmaßnahmen begründet, sondern über eine tief empfundene grundsätzliche Verbundenheit mit allen Wesen und Erscheinungen, – solche Bestrebungen sind hier noch ein gewachsener Bestandteil dieser ungebrochen naturverbundenen Kultur.
Mit seiner Antwort auf die Frage „Was bleibt mir letztendlich?“ beantwortet der Staatssekretär für sich auch in einem konkreten Sinne die philosophisch existentielle Frage nach dem, was für einen Menschen wichtig und wesentlich ist. Würde. Und ein Glück, das gegenwärtig ist, dem man nichts mehr opfern muss, auch nicht sich selbst. Hier, in diesem „Entwicklungsland“ begegnen uns keine Armut, kein Elend, keine bettelnden Kinder wie im benachbarten Indien und in Nepal, aber auch Luxus in unserem Sinne lässt sich hier kaum ansammeln, die Größe des Grundbesitzes für einen Haushalt ist per Gesetz begrenzt.
Der jetzige König, Jigme Singje Wangchuk (2001), dezentralisierte die Verwaltung und betont auch immer wieder, dass die Zukunft dieses kleinen Landes nur dann gesichert bleibt, wenn die Verantwortung für dessen Entwicklung in die Hände der betroffenen Menschen gelegt wird und die Administration vom Konsens und der Unterstützung der Bevölkerung getragen ist. Das Ziel der Entwicklungspolitik soll gemäß einem berühmt gewordenen Ausspruch des Königs nicht die Steigerung des Bruttosozialprodukts, sondern das „Brutto-Glücks-Produkt“ sein.
Für uns, aus dem Westen, die wir kaum anders können, als mit aller nur möglichen Anstrengung um unser gemeinsames goldenes Kalb, das Bruttosozialprodukt herumzutanzen, wirken solche Aussagen märchenhaft und auch ein bißchen naiv. Und wenn wir dann, womöglich von einem Tag auf den anderen, auf dem Altar der Rationalisierung geopfert werden, dann müssen wir das „vernünftig“ nennen. Durchschaut das bei uns noch jemand? Und was zeigt sich für uns dahinter, wenn man da hindurchschaut?
Die Menschen hier in Bhutan strahlen eine in sich ruhende Harmonie aus, selbst die auf den Reis- und Kartoffelfeldern arbeitenden Frauen sind auf eine, auch nach unseren ästhetischen Maßstäben, beinahe festlich anmutende Art und Weise gekleidet. Neubauten werden nur genehmigt, wenn sie sich an die traditionellen Formen und Gestaltungsmerkmale halten. Selbst die Shell-Tankstelle in der Hauptstadt ist auf Anhieb nicht von einem kleinen Tempelbau zu unterscheiden.
Kunzang, unser Reiseleiter, den wir noch aus Hannover kennen, wo er Manager des Bhutanesischen Tempel-Pavillons war, zeigt auf dem schmalen Bergpfad zum Trainingskloster, das wir besuchen, rund um sich herum, und teilt uns mit, dass hier eine Menge Tiger leben, von denen noch keine Naturschutzorganisation Kenntnis habe. Und er sagt das in einem Ton, als teile er uns mit, dass dort um die Ecke irgendeine hohes Ansehen genießende Familie Wangchuk wohne. Die Anwesenheit der Tiger wird anscheinend nicht nur akzeptiert, sondern den Tieren wird tatsächlich Respekt entgegengebracht, – in ihrem angestammten Reich, das sie mit den Menschen teilen.
Die kleinen Fürstentümer im Gebiet des jetzigen Bhutan wurden Mitte des 17. Jh. von Shabdrung Ngawang Namgyal, einem tibetischen Lama, zu einem Staat vereinigt. Zweieinhalb Jahrhunderte wurde die von seinen Einwohnern „Drukyul“, Land des Donnerdrachen, genannte Nation von einem dualen administrativen System aus hochrangigen Mönchen mit dem als Oberhaupt gewählten Je Khenpo und den Distriktgouverneuren regiert. Im Jahre 1907 wurde dann Ugyen Wangchuk als erster Konig einer erblichen Monarchie gewählt.
Für die südasiatischen Nachbarländer gilt Bhutan nicht als Demokratie, es gibt keine politischen Parteien und Gewerkschaften. Die Abgeordneten der Nationalversammlung werden heute direkt in den Wahlkreisen gewählt, ein Haushalt hat eine Stimme, dazu kommen die Distriktgouverneure, Staatssekretäre, Minister und auch acht Mönche. Ein Redakteur der Wochenzeitung Kuensel wehrt die Kritik am bhutanesischen Demokratie-Verständnis ab: Eine demokratische Fassade würde niemandem helfen, wichtig wäre zunächst einmal eine bessere Ausbildung der Bevölkerung.
85% der Bhutanesen leben in Subsistenzwirtschaft von Landbau und ein wenig Tierzucht, gleichwohl sieht man dort keine Bettler. Armut und Elend, wie man sie in Nachbarländern wie Nepal und Indien erleben kann, sind dort fremd. Die geographische Lage Bhutans und die bewusste Entscheidung, nur die eigene Fluglinie als Zugangsweg für Touristen anzubieten, stellt eine Art Nadelöhr dar, durch das nur etwa zwei Dutzend Touristen pro Tag ins Land einreisen können. So bleibt der Einfluss der westlichen, sogenannten „entwickelten“ Länder zwar begrenzt, aber gleichwohl stellt der schleichende Einfluss der amerikanisierten Kultur des Westens eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Integrität der Bhutanesischen Kultur dar, wie mir der für Kunst und Handwerk zuständige Regierungsbeamte erläutert. In anderen Ländern, in denen es zu kulturellen Brüchen kam, wie z.B. Japan, war es im wesentlichen der aktive Druck von Außen, der zu gesellschaftlichen Umwälzungen führte. In Bhutan dagegen, mit seiner abgeschiedenen Lage, hängt es gemäß den Worten dieses Regierungsvertreters ganz und gar von den Einwohnern selber ab, ob sie in der Lage sein werden, den Kern ihrer Traditionen und die tragenden Elemente ihrer Kultur zu bewahren.
Als im 7. Jh. der indische Heilige Guru Padmasambhava in die südlichen Ausläufer des Himalaya kam, herrschte dort eine schamanisch orientierte Naturreligion, der Bön-Glaube. Im Gegensatz zu den unterdrückenden Maßnahmen christlicher Missionare im Nordwesten Europas integrierten und assimilierten die buddhistischen Nachfolger Padmasambhavas oder Guru Rinpoches, wie er in Bhutan ehrfürchtig genannt wird, die ursprünglichen Riten und Kulte. Guru Padmasambhava wurde zum ersten Dharma Raja, dem spirituellen Führer dieses Landes. Der von ihm und seinen Nachfolgern eingeführte Buddhismus hatte einen tiefgreifenden und prägenden Einfluss auf die Kultur Bhutans, und noch heute bilden die Grundsätze der buddhistischen Lehre zusammen mit der ursprünglichen Naturverbundenheit der Bhutanesen den tragenden Kern ihrer alten Kultur.
Wie im benachbarten Tibet führte der damals schon seit tausend Jahren entwickelte Buddhismus wohl zu Auseinandersetzungen mit der angestammten Naturreligion, wie die Legenden von den Kämpfen Padmasambhavas und anderer buddhistischer „Heiliger“ mit den „Orts-Dämonen“ zeigen, aber dieser Prozess führte nicht zu Verdrängung und Verteufelung, sondern zur Kooperation der verschiedenen Kräfte und Ebenen.
Bis 1962, als die ersten Straßen nach Indien gebaut wurden, war dieses Land im Norden und Westen durch die ersten Bergketten des Himalaya nach Tibet und im Süden und Osten durch undurchdringlichen Dschungel von der nordindischen Tiefebene praktisch abgeschnitten. Heute gibt es fünftausend Fernseher in der Hauptstadt – und ein Internet-Café. Die einzige Ampel an einer Kreuzung in der Hauptstadt wurde wieder abgebaut, weil der König entschied, dass sie „zu uns nicht passt“. Sichtbare Zeichen einer vorsichtigen Technisierung sind die Stromleitungen des hydroelektrischen Systems, das dem Land bescheidene Einkünfte aus Stromexporten nach Indien bringt. Das einzige pharmazeutische Institut des Landes für traditionelle Medizin in Timphu erlaubt zwar die Verarbeitung der Heilkräuter des Himalayalandes nach westlichen Standards, aber die Menge der hier verarbeiteten Naturheilmittel reicht nur für die Verwendung im eigenen Land. Die Anwendung der traditionellen Medizin erfolgt parallel mit den westlichen Therapien, und je nach Fall wird wahlweise entschieden, welche Methode angewendet wird. Die medizinische Versorgung ist, wie auch die Schulbildung, frei und wird vom Staat getragen.
Pema betreibt einen kleinen Kunsthandwerk -Laden für die 7000 Touristen, die pro Jahr (Stand 2001) in ihr Land kommen. Sie scheint damit wirtschaftlich selbständig zu sein, und tritt, wie auch die anderen Bhutanesinnen, souverän und selbstsicher auf – kein Vergleich mit der Situation der Frauen in den Nachbarländern Nepal und Indien. In Hannover auf der EXPO betreute sie den kleinen Shop im Pavillon ihres Landes. Wie erzählt von den jungen Leuten, inzwischen schon einigen tausend, die zum Studium ins Ausland, nach England und die USA gehen, und die dann fast alle gerne wieder in ihr Heimatland zurückkommen. Vor den Zeiten der LKWs und befahrbarer Straßen waren die Bewohner Bhutans in den kleinräumigen engen Tälern mit ihren speziellen mikroklimatischen Bedingungen gezwungen, sich so an die herrschenden natürlichen Ressourcen anzupassen, dass sie mittels diversifizierter Land- und Viehwirtschaft mit ihren begrenzten Mitteln gut leben konnten – nicht nur „über-leben“! – und ihre Ressourcen gleichzeitig schonten. Eine nachhaltige Wirtschaftsweise innerhalb kurzer Kreisläufe, wie sie heute von der Permakultur wieder propagiert wird, war die unter den speziellen geographischen Bedingungen einzige Möglichkeit eines gedeihlichen Lebens in dieser Himalaya-Region. Erst seit kurzem werden systematisch und auch nur in begrenztem Rahmen Früchte und Gewürze für den Export, wie Äpfel, Orangen, Ingwer und Kardamom, angebaut. Von den Feldern in den engen Tälern aus, wo Reis, Chilli und süße kleine Bananen angebaut werden, kann man leicht bis zu den mit ewigen Schnee bedeckten Gipfeln des Himalaya an der Grenze zu Tibet schauen.
Die Verwertung des Holzbestandes, die sich aus kommerzieller Sicht anbieten würde, ist durch neue Gesetze stark begrenzt. 60% der Landfläche sollen für immer bewaldet bleiben und 20% davon bleiben als Naturschutzreservate unberührt von menschlichen Eingriffen. Damit formulieren die Gesetzgeber auf legislativem Weg diejenigen Grundeinstellungen neu, die schon immer – zunächst in der schamanischen Bön-Religion und später in den grundlegenden buddhistischen Wertvorstellungen von der Verbundenheit aller Wesen – das Wechselspiel zwischen menschlicher Kultur und unberührter Natur bestimmt haben.
Die Bhutanesen befinden sich in einer außergewöhnlichen Situation. Ihre von Alters her gewachsenen Strukturen konnten sich bis heute ohne große Brüche erhalten, die Hochreligion des Landes, der Buddhismus mit seinen Grundprinzipien der Toleranz und der Verbundenheit aller Wesen knüpfte an den alten ursprünglichen Glauben mit seinen naturverbundenen Regeln, Formen und Ritualen an und steht heute im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Bei persönlichen Schwierigkeiten werden, wie ein Distriktgouverneur erzählt, die Mönche von den Dorfbewohnern als Mediatoren in Anspruch genommen und manchmal klärt dann schon eine gemeinsame kurze Zeit der Meditation einen großen Teil des Problems.
Aus ihrer Position einer „splendid isolation“ heraus können die Bhutanesen jetzt die Negativbeispiele des „Fortschritts“ um sich herum beobachten: Bevölkerungsexplosion in Indien, Armut und touristische Überfrachtung in Nepal, von der Invasion der Chinesen in Tibet ganz zu schweigen. Und sie haben – wenigstens gilt das für die Vertreter ihrer Elite – die Möglichkeit, die sie ja z.B. zum Studium auch nutzen, ins Ausland zu gehen und sich ein eigenes Bild vom „Fortschritt“ zu machen.
Der Buddhismus ist in Bhutan nicht nur eine „Religion“, sondern eine Lebensweise. Und, wie der Staatssekretär des Außenministers betonte, Grundlage und stabilisierendes Element dieser Kultur. Der abendliche Gang zur Stupa, das Umrunden des Chörten, gehört zu den selbstverständlichen Bestandteilen des Lebens auch in der Hauptstadt. Der jovial wirkende Sekretär des Ministeriums für kulturelle Angelegenheiten, der in seiner Jugend zunächst Mönch war, sich aber später laisieren lies, betonte noch einmal: Wir sind alle unterschiedlich, kommen aus verschiedenen Kulturen und folgen auch innerhalb eines Landes unterschiedlichen Traditionen, aber wir folgen alle dem Buddha-Dharma. Unser Ziel ist das gleiche, und auf dem Weg dahin können wir uns an den Unterschieden freuen!

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