Von Bachstelzen und Kernkraftwerken

Folgen eines Tsunami, Japan, 1855 (1)

Die Bachstelzen sind wieder da. Zurück aus dem Winterquartier jagen sie auf unserer Terrasse nach den ersten Mücken. Sie landen elegant auf der Verglasung die uns den Regen von der Südfront des Strohballenhauses abhält, laufen darauf herum und schnappen nach Mücken die darüber tanzen. Die Verglasung ist anscheinend kein Problem für sie. Andere Kleinvögel haben aber offenbar Schwierigkeiten damit, sie knallen in vollem Flug vor die großen Scheiben und manche überleben den Aufprall nicht. Können diese Vögel denn kein Glas sehen? Sie haben doch so gute Augen?
Die Ureinwohner der Karibik, so heißt es, begrüßten die Ankömmlinge aus Spanien, die in ihren Ruderbooten an den Strand kamen, sehr höflich und zuvorkommend, aber sie kniffen nur irritiert die Augen zusammen und waren verärgert, als sie auf die großen Segelschiffe hingewiesen wurden, von denen die Ruderboote herüber kamen. Die Indianer konnten die Segelschiffe nicht „sehen“. Sie hatten keine Kategorie dafür, für ihr Verständnis war das da draußen, was irgendwie im Licht stand und die Wellenbewegungen behinderte, nichts greifbares. Sie hatten keinen Begriff dafür, es war kein Boot – Boote waren kleiner, Dinge, die man notfalls herumtragen konnte – und es war auch kein Berg, keine Insel … aber irgendetwas war da draußen und störte den Wind und das Licht und die Wellen.
Für Bachstelzen sind glatte spiegelnde Flächen gewohnte Lebensräume, sie halten sich gern an Fluß- und Seeufern auf, sie wissen mit Oberflächen umzugehen, die weder Sand noch Stein noch Holz sind, die ihr Aussehen ständig ändern, die das Licht in veränderten Formen zurückwerfen, die keine Substanz zu haben scheinen, mit denen man aber gleichwohl unangenehm kollidieren kann. Sie landen gekonnt auf Glasdächern, laufen unbekümmert darauf herum und schnappen sich die Mücken. Andere Kleinvögel, Meisen oder Rotkehlchen etwa, kommen gar nicht auf die Idee, auf einer Glasfläche landen zu wollen. Sie lernen höchstens mühsam, die Fensterfronten zu meiden, stoßen trotzdem gelegentlich dagegen und nicht alle überleben den Aufprall. Den Bachstelzen passiert das nicht.

Umweltminister Remmel, NRW, antwortet auf eine Anfrage von Wibke Bruhns zur möglichen Umweltgefährdung der Gewinnung von „unkonventionellem Erdgas“: „Liebe Wibke, …“, – und macht zunächst ein paar grundsätzliche Ausführungen zum Thema. Nicht, daß er etwas Neues erläutert, er macht briefliche höfliche Konversation. Gibt den Stand der Technik wieder.
Und stellt dann fest, „In Nordrhein-Westfalen sind bis dato weder Frac-Maßnahmen durchgeführt worden noch werden solche derzeit durchgeführt; sie sind derzeit auch nicht Gegenstand von bergrechtlichen Zulassungen.“ Als ob die derzeitigen Probe- und Erkundungsbohrungen zur Gewinnung von unkonventionellem Erdgas irgendeinen anderen Zweck hätten, als dessen Förderung … Remmel verweist dann auf andere Berichte der Landesregierung, bevor er schließlich auf die konkreten Fragen von Wibke Bruhns kommt, und anmerkt, daß entsprechend der Gesetzeslage keine Beteiligung der Öffentlichkeit und keine Überprüfung der Umweltverträglichkeit vorgesehen ist. Allerdings gibt er auch seiner Meinung Ausdruck, daß zu einer umfassenden Information der Beteiligten und der Bürger auch eine Darlegung der Risiken gehöre. Das ist alles sehr nett gesagt und zeugt von Engagement und Bereitschaft zum Gespräch und zur Kooperation. Aber es hat nichts zu tun mit den Auswirkungen, die eine massive Schiefergas- und Kohlegasgewinnung auf ganze Landstriche haben kann. Und wenn dann irgendwann, wie ja in den USA schon dokumentiert, das Gas aus dem Wasserhahn kommt und, wenn man ein Feuerzeug dranhält, in einer Stichflamme in die Küchenspüle schießt, und wenn die Kinder dauernd krank sind und Pferde und Kühe auf der Weide, weil sie Wasser aus dem Graben getrunken haben, umfallen, dann ist das ganz und gar nicht mehr nett. Die Leute wollen dort nur noch wegziehen von dem Ort, wo sie aufgewachsen sind, aber sie bekommen ihr Haus nicht verkauft, weil jetzt natürlich niemand mehr freiwillig dort wohnen will. Die irritierende Nettigkeit des (brieflichen) Gesprächs weist auf ein Mißverhältnis zwischen der Situation, die sich – wie gesagt, in den USA dokumentiert – möglicherweise entwickeln kann, und dem höflichen Plänkelton des politischen Diskurses hin.
Es geht hier ja nicht um die Frage einer innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzung, die jederzeit per Dekret zu ändern ist. Es geht um Maßnahmen von einer Tragweite, die äußerst schwer abzuschätzen ist. Wenn die tiefen Bodenschichtungen durch Hochdruckfracking in ihrer Durchlässigkeit und ihre Struktur verändert werden, dann kann das – immer „möglicherweise“! – dramatische Auswirkungen auf das Leben von ganzen Generationen über Landstriche hinweg haben. Diese Auswirkungen sind „möglicherweise“, – es scheint eben nicht auszuschließen – nur noch mit großräumigen Vergiftungen oder radioaktiven Verseuchungen zu vergleichen.
Wir geraten alle in Panik, wenn wir nur daran denken, daß eine Wolke aus einem havarierten Kernkraftwerk bei uns niedergehen könnte. Aber Gasgewinnung? Was soll daran problematisch sein? Daß inzwischen auch andere Formen der Bereitstellung von ‚Energie für den immer noch wachsenden Markt, wie etwa der Braunkohleabbau, Folgen haben, die die Lebensqualität von ganzen Landschaften in Frage stellen, ist noch nicht wirklich ins öffentliche Bewußtsein gelangt. Seien es die Folgen des Baues von Kernkraftwerken, Braunkohlentagebaue oder Erdgasbohrungen mit Fracking: Die strukturellen Folgen solcher Maßnahmen sind offenbar für uns so schwer zu „sehen“, wie eine große Glasscheibe für ein Rotkehlchen oder ein spanisches Segelschiff für einen Ureinwohner der Karibik.
Daß wir selber auch solche Wahrnehmungsprobleme haben könnten, mögen wir aber in der Regel nicht zugeben. Es fühlt sich unangenehm an, wir wissen irgendwie schon, daß da irgendetwas ist, aber es wäre, so meint man zu spüren, schmerzhaft, wenn man noch genauer hinsehen würde.
Wollen wir also nicht sehen, welche Auswirkungen von der Nutzung der Kernkraft und anderen Großprojekten der Industrialisierung ausgehen könnten, etwa jetzt auch von der exzessiven Gewinnung von Schiefergas? Oder können wir es nicht? Haben wir vielleicht keine ausreichenden inneren Repräsentanzen für die Massivität solcher Maßnahmen? So wie die Karibik-Einwohner keine inneren Repräsentanzen für Hochseesegler hatten? Können wir vielleicht die strukturellen Auswirkungen der Nutzung der Kernkraft oder der Erdgasgewinnung mittels Fracking so schwer einschätzen, weil wir einfach nicht den „Instinkt“ haben, die dahinter stehenden Zusammenhänge zu sehen? So, wie Rotkehlchen nicht den „Instinkt“ haben, sich vor großen Glasscheiben in acht zu nehmen? Auch wenn sie gute Augen haben? Aber sind wir denn auf Instinkte angewiesen? Wir sind doch Vernunftwesen, wir können doch Technikfolgenabschätzungen machen. (Oder von den Fachleuten machen lassen …) Wir können uns doch die Zukunft vorstellen, das ist es doch, was uns von den Tieren unterscheidet! Warum haben wir denn solche Probleme mit diesen Sachen?
Rotkehlchen haben gute Augen, können aber trotzdem merkwürdigerweise keine großen Glasscheiben sehen. Wir haben Verstand und Vernunft, können aber trotzdem irgendwie nicht die möglichen Auswirkungen von Großtechnologie sehen … Und genauso verdutzt und erschüttert, wie ein Rotkehlchen, das gegen eine Scheibe geflogen ist, stehen wir da, wenn ein Kernkraftwerk durch ein – natürlicherweise ab und zu vorkommendes – Seebeben zur Kernschmelze gebracht wird, oder wenn ganze Landstriche sich nach Gasbohrungen mit Fracking so verändert haben, daß niemand mehr dort leben mag.
Wir reiben uns die Augen und fragen uns, wie das denn wohl geschehen konnte. Obwohl die Möglichkeit jahrzehntelang groß und breit im Raum stand.
Die etwas gewitzteren unter den Rotkehlchen lernen, die Fensterfronten zu meiden. Sie können die Umgebung des Hauses, die für sie offenbar sehr interessant ist, deshalb immerhin nutzen ohne sich den Hals zu brechen. Die Bachstelzen aber können, offenbar mittels ihres Instinktes, sogar die Glasflächen selber nutzen, sie landen darauf und schnappen „im Sitzen“ nach Mücken.
Man könnte sich jetzt fragen, wie lange wir brauchen werden, um auf der Verstandes- und Vernunftebene das Äquivalent zum Instinkt der Bachstelzen zu entwickeln …?
Wir können es wissen – im Prinzip. Und diejenigen, die das Glück und das Privileg einer umfassenden (Aus-) Bildung genossen haben, dürften es ja auch wohl wissen … Aber Wissen heißt eben noch lange nicht, auch dazu in der Lage zu sein, das Gewußte auch umzusetzen. Jeder einigermaßen gebildete Deutsche – und wenn der oder die auch noch ein ökologisches Bewußtsein besitzt, sowieso – kann heute wissen, daß der durch unsere industrielle Lebensweise verursachte „ökologische Fußabdruck“ auf Dauer nicht durchzuhalten ist.
Aber welche Konsequenzen ziehen wir aus diesem „Wissen-Können“. Jetzt, in den Tagen „nach Fukushima“, wurden Passanten in einer Einkaufsmeile gefragt, worauf sie denn zu verzichten bereit wären, angesichts der Frage, ob die alten Kernkraftwerke in Deutschland still gelegt werden sollen. Die Antworten ergaben ein aufschlußreiches Bild: Auf den Toaster würde manch einer ja noch verzichten, (6) aber auf Spülmaschine und Wäschetrockner? Wohl eher nicht. Höchstens leistet man sich – wenn man’s sich denn leisten kann – das Gerät mit dem niedrigeren Stromverbrauch. Und 2010 wählten die Deutschen 71 Millionen mal das Flugzeug als Verkehrsmittel. Jeder dritte machte nur einen Inlandflug. Ein neuer Rekord. Die Gruppe der Besserverdiener, also die Menschen, die am besten über die ökologische Problematik informiert sind und die Ökostrom beziehen, Bioprodukte kaufen und ihren Müll vorbildlich trennen, tragen über ihren Konsum, von den Flugreisen bis zu den immer größeren Wohnungen, am stärksten (pro Person gerechnet) zu derjenigen Problematik bei, von der sie eigentlich ganz gut wissen, wie untragbar sie auf Dauer ist.
Im Detail handeln wir oft ganz vernünftig, wir tauschen Glühbirnen gegen Energiesparlampen aus und lassen eine Sparspülung einbauen. Letztendlich aber, unter dem Strich, verbrauchen wir immer mehr Strom und Wasser. Nicht bei uns. Sondern dort, wo die Nahrungsmittel und Konsumprodukte, von denen wir immer mehr „brauchen“ (solange wir nicht Not leiden und sie uns nicht leisten können …) produziert werden. Wie kann das aber sein? Unsere Absicht ist doch, zu Gesundheit und Komfort und Wachstum beizutragen?
Ein Tsunami, wie er jetzt Japan traf, ist dort nicht so furchtbar selten und unvorhersehbar, wie wir anzunehmen geneigt sind, wenn wir hören, daß eine ganze Reihe von Kernkraftwerken in Japan direkt an der Küste gebaut sind und, wie etwa dasjenige in Fukushima, mit gerade einmal sechs Meter hohen Flutwänden geschützt worden ist. Ein Blick in die Geschichte der Erdbeben und Tsunamis in den letzten 120 Jahren belehrt uns in dieser Hinsicht eines Besseren: Das Meiji-Sanriku Erdbeben, 1896, kam in Kombination mit einem unglaublichen 23m hohen Tsunami. Das Großes Kantō Erdbeben, 1923, mit einem 10m Tsunami. Das Niigata Erdbeben, 1964, mit einem immerhin noch 6m hohem Tsunami. Ein Erdbeben, beziehungsweise ein Seebeben, was im Falle von Japan kaum zu trennen ist, ist eben in aller Regel mit einem mehr oder weniger hohen Tsunami verbunden. Diese Verbindung stellt in gewisser Weise den zu erwartende Normalfall dar. Und tritt, wie aus der Historie nur allzu gut bekannt, alle paar Jahrzehnte auf. Wie aber sieht eine deutsche Physikerin diesen Zusammenhang? Mit dem Erdbeben und der Flutwelle seien „unwahrscheinliche Dinge“ zusammengekommen, sagte Angela Merkel (Physikdiplom ‚Sehr gut‘, Dissertation in Physik: ‚Sehr gut‘), vor rund 800 Zuhörern. (7) Man muß befürchten, daß sie selber daran geglaubt hat, was sie da sagte.
Nochmal langsam, zum Mitschreiben: Eine hervorragend ausgebildete Naturwissenschaftlerin, die von einem ganzen Land in eine Position mit einer gewissen Verantwortung gewählt worden ist, sieht in der Kombination von einem Erdbeben in Japan mit einem Tsunami das Zusammenkommen „unwahrscheinlicher Dinge“ … Diesselbe Frau beschwört auch immer wieder das wirtschaftliche Wachstum. Wir brauchen Wachstum, allein schon um unsere Schulden zurückzahlen zu können. Da ist ihre Überzeugung. Außerdem: „Wachstum schafft Arbeit“ (11) … – womit Frau Merkel wohl Recht hat. Wie sie allerdings mit dem dramatisch zunehmenden ökologischen Fußabdruck zurechtkommen will, den das industrielle Wachstum eben auch schafft, verrät sie uns leider nicht.
Auch wenn sie sich für eine Erweiterung des „klassischen Wachstumsbegriffs“ einsetzt. (10) – was das konkret heißen soll bleibt zunächst unklar, und unklar bleibt auch, wie eine Physikerin überhaupt an exponentielles Wachstum auf einem letztendlich eben doch begrenzten Planeten glauben kann – bleibt die grundsätzliche Frage offen, wie etwas, das andauernd um einen gewissen Prozentsatz pro Zeiteinheit – was ja heißt, exponentiell – wachsen soll, dann auch noch gleichzeitig „nachhaltig“ sein soll.
Außerhalb der TV-Duelle werden dagegen schon einige nachdenklichere Töne geäußert: „Nachhaltiges Wirtschaftswachstum: Wie ist ‚Sustainable Growth’ zu definieren?“ fragt etwa eine vom BMU geförderte Studie. Und kommt zu dem Schluß: „Vieles spricht [..] dafür, dass eine nachhaltigkeitskonforme Gesellschaft und Wirtschaft langfristig nur mit einer Steady-State-Economy zu erreichen ist …“ (12) Was auf deutsch schlicht und simpel heißt: Wachstum funktioniert auf Dauer nicht.
Aber Frau Merkel beschwört weiterhin öffentlich das Wachstum als unverzichtbare Bedingung für unseren Wohlstand und die angesprochene Öffentlichkeit lässt sich auch brav beschwören und neigt den Kopf und sagt Jaja und zuckt verstehend mit den Schultern.

Wenn du dir nicht irgendwann den Hals brechen willst, sagte die Bachstelze zum Rotkehlchen, dann darfst du nicht mit voller Wucht gegen die Glasscheibe fliegen. Ich weiß nicht, antwortete das Rotkehlchen, was du mit „Glasscheibe“ meinst, und flog los.

(1) Ansei Edo Erdbeben, 1855, an der japanischen Küste. Höhe des Tsunami unbekannt.
(6)Laut einer Blitzumfrage in der Düsseldorfer Fußgängerzone, die Mitarbeiter der TV-Sendung Hart, aber fair in den Tagen „nach Fukushima“ durchführten.
(7)DER SPIEGEL 5/2010, 01.02.2010. Online: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,753341,00.html
(10)„Es geht nicht nur um die klassischen, ökonomischen Wachstumsgrößen, sondern es geht um ein Wachstum, das nachhaltigen Wohlstand sichert. […] Wir müssen lernen, den Wachstumsbegriff für das 21. Jahrhundert neu zu definieren.“ Angela Merkel in ihrem Video Podcast #4/10 vom 6. Februar 2010. Text Online: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Podcast/2010/2010-02-06-Video-Podcast/links/2010-02-06-text,property=publicationFile.pdf
(11)“Wenn wir mehr Wachstum bekommen, dann können wir auch anschließend die Schulden, die wir machen, besser zurückzahlen. Entlastung generiert Wachstum und Wachstum schafft Arbeit. Das ist die Gleichung, und so müssen wir denken.“
Angela Merkel im TV-DUELL am 13.09.2009, Online: http://www.bundesregierung.de/nn_774/Content/DE/Mitschrift/Pressekonferenzen/2009/09/2009-09-14-tv-duell.html
(12)Wohlfahrtsmessung in Deutschland. Ein Vorschlag für einen nationalen Wohlfahrtsindex. Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Heidelberg. S. 120 ff.

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